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Band 2: Der Patient spricht wieder

Pitro als Zeuge einer Vergewaltigung

Pitros Stimme war immer noch nicht zurück. Er flüsterte heiser, und es schien ihn anzustrengen, aber er sprach so schnell, als wollte er alles Nichtgesagte der vergangenen Jahre nachholen.
Ich setzte mich dazu.
»Guten Tag, wie geht’s?« fragte ich.
Saiko drehte sich ruckartig zu mir um.
Pitro lachte lautlos. »Ah, der Hausherr. Welche Ehre! Der Prophet des langen Lebens!« flüsterte er dann.
»Bislang hatte ich damit recht. Du lebst und kannst dich nicht rühren.«
»So? Sieht das für dich so aus? Siehst du nicht, was ich bewegen kann? Muss ich mich da noch bewegen? Ich habe mir eine geile Vorführung geben lassen. Diese prächtigen Burschen haben eure prächtigen Mädchen geknallt. Ich hatte endlich ein paar wirklich schöne Stunden.«
Er wollte sich von Saiko Wasser geben lassen; ich verweigerte es ihm.
Ich war so voller Abscheu, dass ich auf etwas sann, was ihn wirklich gequält hätte.
Er lachte. »Glaubst du, dass du frei bleibst von meinem Einfluss? Solche Gedanken stecken an, bevor du es merkst. Ihr Homsarecs wollt jetzt Gutmenschen werden? Das steht euch nicht. Ich erinnere mich gut an die Cultura vor dreißig Jahren. Ich habe euch gehasst, aber auch bewundert. Ihr hattet Stil und Schmiss. Ihr habt mit Kälte und Eleganz getötet. Hast du das Wurfbeil beherrscht? Ja? Sollte das ein Nicken sein? Mach mir nichts vor, Guipago-ko« — er nannte mich bei meinem Kindernamen — »du hast das Wurfbeil genauso gebraucht und hast Schädel gespalten. Mit derselben Eleganz, mit der meine Eltern getötet wurden, als ich am Strand von Rimini geraubt und verschleppt wurde. Und dann, vor vier Jahren? Konnte man mit euch Krieg führen? Auf ehrenvolle und schön anzuschauende Art?
Nein, ihr habt euch verkrümelt. Erbärmlich! Ekelhaft! Unter die Röcke eurer Mütter seid ihr gekrochen. Ich wollte eurer habhaft werden und euch einen Untergang bereiten, der euer würdig gewesen wäre. Unterwerfung oder Tod, ihr hättet die Wahl gehabt. Ein qualvolles Ersticken, wie ihr es verdient habt, weil ihr mich drei Jahre lang habt vergewaltigen lassen. Einen heroischen Erstickungstod wollte ich allen denen bereiten, die noch Widerstand geleistet hätten, und ich hätte euch voll Respekt dabei gegrüßt, wenn ihr als Krieger gestorben wärt. Aber das seid ihr nicht. Ihr seid Gewürm, ihr gehört zertreten. Ich verachte euch und delektiere mich bisweilen daran, dass eure heulenden Flintenweiber von ihren eigenen Berserkerkollegen geknallt werden, von ungebildeten Lümmeln, die nicht wissen, was man mit Fliegenpilz machen kann. Das erhellt mein trübes Dasein.«