Band 2: Wachen außer Rand und Band

In Isatais Haus gehen seltsame Dinge vor, und es scheint, als würden feindselige Kräfte auf die Anwesenden einwirken.

Am anderen Morgen, noch nicht lange nach dem Beginn der Schicht von Pandor und Dario, kamen zwei heulende Mädchen ins Gartenhaus gerannt und schrien nach weiteren Wachen. Sie sahen entsetzlich aus, verwühlt, verweint, mit zerrissenen Sachen. Die eine hatte ein Blaues Auge, die andere eine geplatzte Lippe.
Ich rief sofort die Wachen aus der Musik-Kommune, aber die weigerten sich, in das »Spukhaus« zu gehen. ... Die jungen Frauen waren drauf und dran, im Bad zu verschwinden, aber ich bat sie, vorher noch mit der Polizei zu sprechen — ja, ich rief die Polizei, die staatlichen Ordnungshüter, die weibliche Beamte mitbrachten, die herausfanden, was sich abgespielt hatte: Die männlichen Wachen hatten die weiblichen unter Anwendung von Gift und brachialer Gewalt sexuell genötigt.

Ich sah, daß Dario und Pandor in Handschellen in der Orangerie saßen, von einem Beamten bewacht. Der hatte ein neues Hilfsmittel, um sich gegen Bisse renintenter Homsarecs zu wehren: Metzgerhandschuhe aus Metallnetzen. Ich ging zu ihnen hin und wollte sie zur Rede stellen. Dario sah mich aus kleinen Augenspalten an. Ich erschrak, als ich diesen Blick sah. Da war Gift im Spiel. Keine Frage.
»Wo ist deine Seele, Dario?« fragte ich ihn. Er wich meinem Blick aus.

Nun zogen sich die Mädchen in das Bad des Wohnturms zurück und duschten die Warmwasser-Speicher leer.
Ich machte mir die größten Vorwürfe.
Aber sie machten mir keine. Sie hatten keine Lust zu schlafen, saßen noch gegen Morgen mit ihrem Teebecher in der Küche, in ihre Schlaftücher gehüllt.
Ich fragte vorsichtig, ob ich mich zu ihnen setzen dürfe. Oder ob sie jetzt keinen Mann sehen wollten? »Nein, schon okay, du kannst ja nichts dafür.«
Und so kamen auch Details heraus. Sie hatten gerade ihre Schicht beendet, die Männer traten ihre an. Sie hatten noch mit den Männern Tee getrunken, alles gut, dann wurde ihnen plötzlich komisch. »Keine Sorge, nur ein bißchen Entspannung!« hatte Pandor gesagt und einen Rotweißen Pfeil hochgehalten, dem die Kapsel fehlte. Da hatten sie also was im Tee gehabt.
Sie hatten trotz der Schlappheit, die dann eintrat, sich nach Kräften gewehrt, aber die Männer hätten sie brutal geschlagen, wenn sie sich wehrten. Sie hätten den Eindruck gehabt, die seien irgendwie nicht sie selber, so als wären sie auf Drogen. Ja, und dann hätten sie sich mit berserkerhafter Kraft an den jungen Frauen bedient, zweimal, dreimal. Das war alles sehr gespenstisch und furchtbar.

Und was auch sehr merkwürdig und pervers war: Sie hatten sich als Ort des Vollzugs ihrer Schandtaten das Zimmer ausgesucht, in dem der Kranke lag, und er hatte das, was sie taten, im Spiegel sehen können. Ohne Not, da ihre Gegenwehr schon nachgelassen hatte, hätten die Männer sie immer noch geschlagen. Lux hatte zwei angeknackste Rippen, wie Sinteska festgestellt hatte, und Marix‘ Lippe tat so weh, daß sie kaum essen und trinken konnte.
Sinteska behandelte diese Verletzungen gleich im Anschluß und dann noch alle paar Stunden. Auch waren sie noch etwas angeschlagen vom Pfeilgift. Zwar war dieses nicht so schwer, ein Gegengift war nicht sinnvoll, aber einen heftigen Kater würden sie schon haben, das kam zu der Gewalterfahrung noch hinzu.

Sie sagten, Dario sei mehrmals zu Krasnov-Gurian hingegangen und hätte mit ihm gesprochen…
»Krasnov spricht??« unterbrach ich ungläubig. Ich war entsetzt.
»Ja, ganz leise, aber die Jungs haben ihn verstanden, und immer danach haben sie uns schlimmer behandelt.« Lux liefen die Tränen über die Wangen, als sie davon sprach. »Der Teufel liegt dort im Bett, er hat es nicht verdient, daß Ainu ihn so toll pflegt«, sagte Marix.
»Irgendwer muß ihn pflegen«, sagte ich ernst, »er ist immer noch ein Mensch.«
»Das glaube ich nicht. Er ist ein Dämon«, antwortete Lux, »er hat Pandor und Dario benutzt, um zu sehen, was er gern sehen wollte.«
Ich war schockiert von dieser Idee.
»Denkst du das auch?« fragte ich Marix und sah sie genau an. Sind die Mädchen verwirrt? Kann man ihnen glauben?
»Verstehe ich dich richtig? Du zweifelst an dem, was wir sagen?«
»Könnte es nicht sein, daß er jeden verwirrt, der in seine Nähe kommt?«
»Ja, danke. Wir spinnen also.«
»Und waren die Jungs nicht verwirrt?«
»Doch, schon.«
»Und was war mit Saiko? Ist der nicht immun gegen ihn?«
»Saiko? Der ist doch am ärgsten um ihn herumscharwenzelt. Hat ihm alles gebracht, was er wollte, und hat ihm sogar sexuelle Dienste angeboten.«