Band 3: Der Doge spendiert ein Frühstück


Lelo/Isegrim wird zwischen seinem Herrn dem Dogen und seinem "wilden" Herrn Perkele hin- und hergerissen. Er kneift dem Dogen aus und verbringt mal wieder eine Nacht bei Perkele, als dieser in Sukent zu Gast ist. Als wüsste er nicht, was passiert ist, überfällt der Doge seinen Staatsgast mit Champagner und belegten Brötchen -- morgens um 6 Uhr.

Am frühen Morgen steht der Doge vor der Tür. Seine Exzellenz beehrt sich, den Anführer der Gäste mit einem exzellenten Frühstück erfreuen zu wollen. »Ihr seid doch sicher schon ausgeschlafen und hättet Lust auf ein paar ausgewählte Delikatessen aus Stadt, Lagune, Inseln und Meer?« Und schon rollen Kúsali, Khorasan und Saiko den Tisch herein und tragen auf.
»Champagner?« Der Korken knallt. »In Böhmen und Mähren ist der Homsarec bekanntlich sehr viel trinkfester als in Sukent, Ihr reicht sicher an die baltischen Brüder heran, die trinken sogar Schnaps, hörte ich.«
Perkele ist völlig verblüfft. Ich habe noch nie erlebt, dass ihm die Worte fehlten. Seine Söhne tauchen verträumt aus den Schlaftüchern auf. Sie hatten noch bis zum Morgengrauen diese Computerspiele gespielt, aber Perkele verbot ihnen, den Ton anzustellen, und ich verband mir die Augen, damit das Lichtflackern nicht durchdrang. Richtig eingeschlafen bin ich eine gefühlte halbe Stunde vor dem liebreizenden Überfall unseres Dogen auf seine Gäste.
Ein riesiger Korb mit knusprigen Brötchen, die noch warm sind, wird in die Mitte des großen Kupfertabletts gestellt. Seine Exzellenz hat sich schon auf den Kissen niedergelassen. Ich renne noch einmal in die Dusche, um frisch zu werden, und versuche, die Spuren der Nacht zu tilgen — ich habe nicht nur einmal welche davongetragen. Und es gibt auch welche, die nicht abwaschbar sind, die verräterische Doppelspur des Rohrstocks.
Der Doge zwinkert mir boshaft zu. Oh, er führt was im Schilde, das merke ich.
Als ich aus der Dusche komme, ein wenig verschämt, denn mein Lendentuch ist zu schlicht für den hohen Besuch und auch zerknittert, winkt er mich an seine Seite. Ich werfe einen kurzen Blick zu Perkele; der macht eine Geste, ich soll dem Dogen gehorchen, und sein Ausdruck ist säuerlich, er hat mich an den Herrn der Stadt verloren, und mein Ausflug in die Arme meines Bémishen Herrn war eine verbotene Frucht, das wissen wir beide.
Also setzte ich mich neben meinen Herrn Tanguta und fühlte mich merkwürdig. Er schneidet mir ein Brötchen auf und gibt mir zu essen. Natürlich darf ich nicht selber zum Essen greifen, wie ich es mir in Maslenie Blini angewöhnt habe, sondern nehme, was mir Seine Exzellenz hinlegt, setze meinen Teller auf den Teppich und frühstückte kniend. Ich trinke Tee, bekomme natürlich keinen Champagner, auch nichts vom Fleisch, sondern nur Pflanzenkost. Die anderen Serfs stehen hinter dem Serviertisch stramm, schauen indifferent drein und krönen diese Farce eines kalten Reprend durch ihre professionelle und diskrete Haltung.

»Der Ehrenwerte Anführer wird sicher Verständnis dafür haben«, sagt Seine Exzellenz und erhebt sich, »wenn wir wieder an unsere Regierungsgeschäfte gehen müssen.« Und mit der größten Selbstverständlichkeit faßt er mich am Arm, so ein wenig hinter seiner Robe versteckt, aber so hart, daß ich sicher sein kann, Abdrücke aller seiner Finger für ein paar Tage im weichen Fleisch meines Arms wiederzufinden. Und so führt er mich hinaus, kaum, daß ich Zeit habe, meinen lieben Perkele mit einer Verbeugung zu grüßen.
Tanguta versprüht — wie seit seinem Eintreten — seinen bezauberndsten Charme in der Runde, und verschwindet mit mir, kneift mich bis aufs Blut und zerrt mich den Korridor entlang, während die drei anderen Serfs mit schlecht verhohlener Schadenfreude hinter mir hermarschieren, den klappernden und rüttelnden Servierwagen vor sich herschiebend.
Wir gehen den ganzen Weg hinüber zum Dogenpalast in Begleitung der grinsenden Serfs und des ratternden Bewirtungsmöbels. Es ist ein Spießrutenlauf. Tanguta läßt mich nicht los, obwohl es mir nicht in den Sinn käme abzuhauen.

Die schwere geschnitzte Tür schließt sich hinter uns. Die Amazonen, es sind Phlox und Spex, haben mir hinter dem Rücken Seiner Exzellenz Grimassen geschnitten.
Er läßt mich los. Schubst mich, so daß ich auf dem Teppich auf die Knie gehe, setzt sich in den Lehnstuhl und schaut mich an. Ich wage nicht, den Blick zu heben. Auch als er meinen Namen sagt — »Isegrim!« —, antworte ich »ja, Herr«, aber ich kann ihn nicht ansehen.
Er schweigt, ich warte.
Schließlich lasse ich einen verstohlen kleinen Blick zu ihm hinflattern, da sehe ich: Er lächelt breit. Aber doch ein wenig böse.
»Deine Herrin will dich sehen«, sagt er.

Wir sind dann zum Ghetto hinübergegangen, es ist nicht weit. Er hat mir die Hände auf den Rücken gefesselt. Wie gut das tut! Als er damit fertig ist, hebt er mein Kinn, um mir in die Augen zu schauen. Ich weiß nicht, was er tun wird, und diese Unsicherheit macht mir Angst und kickt mich auch. Es ist genau so wahrscheinlich, daß er mich küßt, wie eine schallende Ohrfeige.
Und dann kommt beides. Er drückt mir fast brutal die Lippen auseinander und küßt mich fest und schmerzhaft, beißt mich dabei etwas in die Lippe, ich blute. Er hält mein Kinn fest und knallt mir eine rechts und eine links. Mit Wechsel der haltenden Hand. Ich sehe, wie seine braunen Augen mich böse fixieren.
»Ich werde dich vor eine Wahl stellen«, sagt er dann.
»Was für eine Wahl?«
»Du wirst es erfahren, wenn wir drüben sind, in unserer Wohnung«, sagt er.
Er läßt Khorasan rufen, der packt ein Portfolio für des Dogen Heimbüro und wandelt mit einer Amazone hinter uns her. Seine Exzellenz überläßt es Spex, mich am Seil zu führen. Sie trägt heute eine weiße Leinenuniform mit passendem Harness und vergoldeten Beschlägen. Sie wickelt sich das Seil mehrmals um die Hand, als bestünde konkrete Fluchtgefahr.
Auf dem Weg zum Ghetto sterbe ich fünf, acht oder zwölfmal.
Touristen bestaunen uns, erkennen den Dogen und bleiben wie angewurzelt stehen und starren. Einwohner erkennen den Dogen und lassen ihn im Kniefall vorbeiwallen, den Kopf gesenkt. Serfs werfen sich ganz zu Boden und berühren die steinernen Wegplatten mit der Stirn.

Reprend:

Rückholung eines ungehorsamen Sklaven