Homsarecs-Leseproben
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Band 3: Der Kriegerkuss

Homsarecs haben messerscharfe Zähne und fallen nie in Ohnmacht, kämpfen somit weiter, wo ein normaler Mensch längst dazu unfähig wäre.
Lelo/Isegrim ist in die Hände der kannibalischen Rebellen gefallen und muss ein Tagebuch führen, wie er es bereits beim Dogen tat. Da er ein serf ist, ein Sklave, lesen seine Herren oder Herrinnen das Tagebuch und schreiben auch eigene Bemerkungen hinein.



Der Kriegerkuss
IIsegrim hat niemals eine Schulung zum Krieger gehabt; darum fehlt es ihm an Selbstbeherrschung. Sein Gastgeber in der Tatra ist bereit, ihm dieses Training zu geben.

Ich habe weiter geübt, und gestern hat mich Perkele zum ersten Mal selber in Joy de Guerre versetzt. Mitja war dabei und sah zu, und nun verstand ich auch, warum so ein Beobachter immer dabei ist.

Perkele hat erst mit mir gespielt, mich geschlagen, und nicht zu knapp, mit dem Haselstock. Ich litt wirklich, aber kam nicht in Joy. Ich war gefesselt, und er raunte mir immer wieder ins Ohr, ich solle mich wehren. Er machte mich wütend! Das war nicht fair, und das sagte ich ihm. Er lachte, ich solle doch was machen, wenn es mir nicht gefiele. Ich kämpfte in meinen Seilen und versuchte, ihn zu beißen. Und eine kleine Hautfalte an seinem Arm erwischte ich auch und biss. Er lachte und lobte mich. Er nahm das Blut von seinem Arm und wischte es mir ins Gesicht.
Er nahm meinen Kopf in beide Hände und fragte mich zärtlich: »Wo willst du meinen Kriegerkuss hinhaben? Such’s dir aus, Ohr, Wange, Kinn? — Nase tut weh, das empfehle ich nicht.«
Ich schwieg trotzig und starrte in seine Augen.
»Also Nase.« Er hielt mich fest gepackt und schloss seine Zähne um meinen Nasenflügel. Aber er biss nicht fest. Nur so, daß es ziemlich wehtat, aber nicht durch die Haut ging.
»Ohr!« flehte ich.
»Eine gute Entscheidung!«
Das war es doch, was ich mit Hopi gemacht hatte! Niemand hatte mir je erklärt, dass dies zu den kriegerischen Ritualen am Anfang einer Schlacht gehört. Perkele verschonte mich natürlich nicht, beließ es nicht beim Symbolischen, das machte er nie.
Ein paar Minuten war mir ein bißchen flau, dann plötzlich schoss mir etwas ins Blut, das mich stärkte und wärmte. Ich kriegte eine Hand los, dann den Arm, beschimpfte ihn und langte aus, um ihn zu schlagen.
Er lachte, rief: »Gut! Weiter so!« und schikanierte mich weiter und zwang mich, mich zu wehren. Ich war nicht sicher, ob er mich vielleicht provoziere, um mich dann dafür zu bestrafen, aber er sagte mir, was ich tun dürfe. Ich solle keine Angst haben, das ist alles Teil des Trainings. Und Mitja rief mir zu: »Das ist Training! Du darfst alles, er kommt schon damit zurecht! Keine Angst!«
Also kriegte ich noch eine Hand frei, und damit langte ich blitzschnell aus und knallte ihm eine. Und dann machte ich mich ganz schnell aus der Fesselung frei.
Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Er stutzte, lachte dann und lobte mich. »Guter Versuch!« Und fuhr fort, mich zu provozieren. Er trat noch einmal ein paar Schritte zurück und sprach zu Mitja, aber so laut, daß ich es hörte: »Ringen, Boxen, Fußtritte sind erlaubt. Beißen nicht. Gekämpft wird bis zum Schlussgong. Es geht los!«
»Dong!« — Mitja schlug ein großes Blech, das er aus dem Schuppen geholt hatte, mit einem Knüppel.
Und dann ging Perkele wieder auf mich los.
Der Kampf dauerte bestimmt eine Viertelstunde. Ich war schon völlig außer Puste, aber meine Lungen öffneten sich weiter als je zuvor, und ich ließ nicht locker. Er blies mir in die Nase, was meine Muskeln entspannte, und ich merkte, dass ich das nicht zulassen durfte, um voll bewusst und bei Kräften zu bleiben. Er trat nach mir, ich fing seinen Fuß und drehte ihn, bis er sich auf den Boden fallen ließ. Damit hatte ich ihn auf dem Rücken. Wie süß war er doch, wenn er so lag und lachte. Ich küsste ihn, aber dieses Mal ohne Biss. Er wurde ganz locker, die Körperspannung löste sich.
»Hey, Kerl, du bist gut!« lobte er, »und nun lass mich los, du hast gewonnen.«
Ich tat es und fand mich selber eine Sekunde später auf dem Rücken.
»Nachspielzeit! Was sagt der Schiri?« Er schaute zu Mitja. »Noch drei Sekunden!« verkündete Mitja, »drei — zwei — eins — Null. Dong! Kampf beendet!« rief Mitja, während Perkele mich noch am Boden hielt. Der Schiedsrichter schlug aufs Blech, »und der Sieger heißt Perkele.«
Ich sprang wütend auf. Ich sah rote Fetzen vor meinen Augen und fand das überhaupt nicht lustig. »Noch mal!« schrie ich außer mir vor Zorn.
»Der Gong war Schluß! Nicht, was ich sagte!« rief Perkele und hielt mich immer noch am Arm fest. Jetzt reichte es mir.
Perkele wehrte sich nicht, als ich auf ihn losprügelte. Er blieb stehen und sah mir direkt ins Gesicht. Ich hörte zu schlagen auf.
»Beherrsch dich!« schrie er mich aus nächster Nähe an. Ich sah ihn kaum in dem Dickicht roter Fetzen vor meinen Augen.
Ich fing an zu zittern.
Noch einmal: »Beherrsch dich!«
Ich atmete tief ein. Die roten Fetzen rotierten langsamer. Sie lösten sich auf.
Ich lief ein paarmal im Kreis herum und schrie.
Dann kehrte ich zu ihm zurück, der ruhig dastand und mich anschaute.
Ich stand vor ihm, ballte die Fäuste an abwärts gestreckten Armen, riss den Mund auf, fletschte die Zähne, fühlte einen Schrei aufsteigen — und atmete weiter und entließ das Gefühl ohne einen Ton.
Er stand vor mir, ohne etwas zu sagen. Sein Blick richtete sich nicht direkt in meine Augen, sondern auf einen Punkt etwas höher.
Ich ließ los. Ließ meinen Zorn und meine Anspannung los, und mein Kopf sank auf seine Schulter. »Papa«, sagte ich. Das wusste ich später aber nicht mehr.