Startseite | Rechtschreibung

Band 4: Übergriff aus dem Jenseits

Woron wird zum neuen Zar der russischen Homsarecs
berufen. Er zeigt seinem Pais den Kreml von Nowgorod,
die mittelalterliche Wehranlage. Während er im
Büro zu tun hat, macht Amba eine Entdeckung.

Ich trat durch den gemauerten Bogen, indem ich den
Kopf einzog, und tappte durch einen engen Gang, der
abwärts und zu einer hölzeren Treppe führte. Die
Treppe endete in einem hohen Raum. Und hier wurden
die Dielen dünn und schwankend, also bewegte ich
mich mit Vorsicht und spähte durch eine Fuge in den
dämmrigen Raum darunter. Der Staub auf den Kartons
oder Kästen, die sich fast bis unter diese Dielenbretter
stapelten, lag dick. Ich konnte eben nur so die Aufschrift
entziffern — und sie war in Lingo Real! Es war
die Jahreszahl 1696 und das Wort ‘Corpomem’, was
‘Souvenir’ bedeutet. Es schien ein lange vergessenes
Lager zu sein. Hier konnte ich allenfalls unauffindbar
verschwinden, wenn ich durchbrach und in den Raum
hinunterfiel, also trat ich schleunigst den Rückweg an,
um diese aufregende Entdeckung meinem Meister mitzuteilen.

Amba erzählt Woron von dem, was er gesehen hat. Sie
bitten also um einen Termin beim Bürgermeister, um
diesen Fund archäologisch untersuchen zu lassen.
Ich durfte auf einem durchgescheuerten Seidensesselchen
sitzen, dessen Seegras mir empfindlich in den Hintern
piekte, während mein Meister mit dem Bürgermeister
flirtete, der das natürlich nicht so auffasste, hatte er
doch eine blondierte mollige Ehefrau mit zwei hübschen
Kindern auf silbern gerahmtem Familienfoto auf dem
Schreibtisch, und seine Tochter wirkte mit der großen
Schleife auf dem Haupt wie eine Katze auf einer
Zuchtausstellung.
Die Cros halten uns für absurd, war es nicht so?

Das Gespräch endete damit, dass dem Zaren ein kleines
Archäologenteam zugeteilt wurde, das die Eröffnung
und Bergung des Dokumentenschatzes durchführen
sollte. Natürlich gut dokumentiert.
Der Schlüssel wurde aus dem Büro geholt, und nun sollte
ich ihnen die verborgene Kammer zeigen.
Schon oben hatten die Museumsleute abgestritten, dass
es diesen untersten Raum gäbe, denn er war nicht im
Plan. Angeblich war die Basis des Turms aus dickerem
Mauerwerk, und der Hohlraum sei mit Schutt gefüllt
worden.
Ich versuchte, die Stelle zu finden, wo ich durch den
Spalt geschaut hatte. Zur Sicherung der Fakten machte
der Museumsdirektor erst einmal eine Reihe Fotos.
Dann hebelte er eine Bohle aus ihrem Lager. Sergej
leuchtete uns mit einer starken Taschenlampe. Eine
Staubwolke wirbelte auf, tanzte einen Funkenreigen im
Lichtstrahl und raubte mir den Atem.
Und da waren sie, die Kästen. Aufgetürmt in gleichen
Stapeln, erreichten sie fast die Decke des Raums.
»Ah, da sind sie ja«, sagte ich erfreut, »und da ist der
Kasten mit der Jahreszahl 1696.«
Ich wischte den Staub mit dem Besen weg, ehe Protest
kommen konnte, und die Zahl wurde sichtbar.
Direktor Podmorskij starrte mich fassungslos an.
»Woher wusstest du das?«
»Ich habe durch den Spalt geschaut«, antwortete ich.
»Da war nichts zu sehen!«, widersprach er.
Da meine Atemnot sich verschlimmerte, bestanden die
beiden anderen Männer darauf, das Fundstück zu tragen.
Ludmilla und Worón hatten bereits einen der Tische
aufgebaut, die an der Wand bereitgestanden hatten,
und die Kiste wurde abgesetzt. Ludmilla hatte auch einen
alten Staubsauger aufgetrieben, asthmatischer als
ich, und unter den wachsamen Augen der Wissenschaftler
und fleißigem Fotografieren wurde der Fund gesäubert.
Sogar vom Staub verwahrten sie Proben, um eine
Pollenanalyse durchzuführen.
Und da war dann die Aufschrift auf dem Deckel zu lesen,
die vorher komplett verdeckt gewesen war. Es war Lingo
Real in kyrillischer Schrift. Worón übersetzte.
»Unseren Geliebten zum Gedenken verwahren wir
hier ihre letzte Gabe. Möge Gott ihnen gnädig sein.
Petschory, im Jahre 1696.«
»Amba, Sie weinen ja!« rief Ludmilla gerührt. Denn sie
sah die nasse Spur, wie sie sich durch den Schmutz auf
meinen Wangen zog.
»Was um Himmelswillen ist das denn?«
»Es sind abgeschnittene Zöpfe unserer Toten«, antwortete
ich mit versagender Stimme.



Monate später. Die Funde werden systematisch fotografiert
und in einer Datenbank erfasst. Hierbei bestätigt
sich, dass Homsarecs auch früher ein kurzes Leben
von wenig mehr als 40 Jahren hatten, wie auch in der
Gegenwart.

Jeden Tag stellte ich mich im Turm ein, um weiter an
der Arbeit mitzuwirken, das Archiv der Zöpfe zu erfassen.
Dabei fanden wir eine Birkenrindenschachtel mit
einer kurzen, lakonischen Beschriftung, mit eckigen Buchstaben
in die weiße Seite der Birkenrinde eingeritzt.
Ein Blatt Papier umhüllte das Haar, und dieser Zopf
war etwa zur Hälfte grau und zu einem großen Teil und
an den Spitzen feuerrot.
Die Restauratorin löste das Blatt vorsichtig ab, entfaltete
es und fand eine Notiz von 1661, die in ordentlicher
Schrift berichtete, dies seien die Haare von Oleg
Semjonowitsch Bojewity, des berühmten Kriegers, geboren
1220.
Alle erstarrten in Ehrfurcht. Dies war nun mit Abstand
das älteste Haar, sofern der Zettel nicht log.
Dieser Krieger nun habe auf der Seite Nowgorods sowohl
gegen den Deutschen Ritterorden als auch gegen
die Schweden Krieg geführt und auf dem Eis gekämpft,
»bis dass die Träger des Schwarzen Kreuzes auf Weiß«
— »der Deutsche Ritterorden«, warf Ludmilla ein —
»für immer den Mut verloren, Rus an sich reißen zu
können.
»Wie der Leibhaftige, so stürmte der Rote Oleg mit seinen
Mannen gegen die Ritter. So wurden sie zusammengedrängt,
so brach das Eis und verschlang der kalte
See die Kämpfer, die sich von den Schollen zu retten
nicht vermochten.«

»Nun, das kann auch spätere Legendenbildung sein«,
wandte Sergej skeptisch ein.
»Nicht möglich!« schrie ich beim Blick auf das Papier,
»gestorben 1282? Haben die sich vertan?«
»Nein, das ist durch die Chronik bestätigt«, hörte ich
von Ludmilla.
Mich packte ein Schauer, der über mich lief, als läge ich
auf einem Ameisenhaufen, mir blieb die Luft weg, und
ich musste mich setzen. Dann war das plötzlich vorbei,
und eine Freude überkam mich, für die ich keinen
Grund wusste.
Ist das keine Fälschung? Ist das wirklich keine Fälschung?
Ich nahm den Zopf in meine Hand — nicht
einmal einen Handschuh hatte ich an! Und ich schloss
meine Augen.
»Teufel! Lass sofort den Zopf los! Du kontaminierst
doch die Informationen!«
Ich legte ihn sogleich auf das Vlies, bat aber um ein
Haar.
Um ein Haar!
»Abgelehnt!« schrie Ludmilla. Salix schob sie beiseite.
»Das sind unsere Zöpfe!« murmelte sie -- fest, aber
freundlich.

Sie zog ein Haar heraus, das teils grau, teils rot war, und
legte es mir auf die Hand.
Ich sank auf einen Stuhl. Das Haar brannte auf meiner
Handfläche. Ich sah einen aufmerksam blickenden, anziehenden
und zugleich gefährlich wirkenden Mann. Er
hatte flammend rote Haare. Er war einer von uns. Und
er stand auf einer Eisfläche. Er trug nichts als ein Fell
um die Mitte, festgebunden mit einer gestickten Borte.
Er streckte seine Arme zu mir aus und lächelte mich an.
»Mein Freund!« sagte er, »du wirst ein guter Krieger
sein. Du wirst den Ruhm der Nowgoroder mehren.«
»Hast du wirklich 62 Jahre gelebt, Oleg?« fragte ich ihn.
»Das habe ich, mein Freund.«
Er drehte sich um und ging fort. Ich rief ihn in Gedanken,
er drehte sich noch einmal um, lächelte mir zu, und
das Bild verging.
Ich öffnete meine Augen und hielt das Haar so fest, dass
sich meine Fingernägel in die Handfläche gruben. Verstohlen
wickelte ich es um zwei Finger — es ging siebenmal
herum, musste also 80 cm lang sein — und ich
schob es in ein Zellophan-Tütchen, das ich geschickt
stahl und mit meinem Raub in die Hosentasche schob.
Ludmilla hatte alles gesehen und lachte.

»Ein umfassender Proteintest kostet 40 Dollar, hast du
soviel Geld?«
»Ich schlafe drüber«, gab ich zurück.
Als ich am Abend im Bett lag und auf meinen Meister
wartete, der noch einen Brief fertigschreiben wollte,
dachte ich über diese Begegnung nach. Das Haar im
Tütchen lag unter meinem Kopfkissen.
Worón, mit dem zu sprechen ich noch keine Gelegenheit
gehabt hatte, schob sich lüstern über mich. Nannte
mich Süßer und beschnupperte mich. Leckte über meine
Wange.
»Da ist ein anderer Mann in unserem Bett«, knurrte er,
»ich kann dich lesen. An wen denkst du?«
»An jemanden, der vor 730 Jahren gestorben ist«, gab
ich leicht benommen zurück.
»Alexander Newski?«
»Oleg Semjonowitsch Bojewity.«
»Der Rote Oleg!«
»So, du kennst ihn.«
»Nicht so gut wie du, scheint mir.«
»Ich habe ein Haar von ihm.«
»Boah, wo? Hier im Bett? Raus damit!«
Ich kicherte. »Das ist meine Reliquie!«

»Du bist pervers.«
Ich stützte mich auf einen Arm und richtete mich halb
auf.
»Er hat mir etwas mitzuteilen, ich muss ihm zuhören.«
Gut, aber zunächst einmal musste ich ihn aus dem Bett
werfen. Also verwahrte ich das Tütchen sorgfältig in der
Schublade des Nachtschranks und nahm mir vor, ein
andermal daran zu horchen.

Angriff aus dem Jenseits
»Was wäre, wenn wir wirklich ganz normale Menschen
werden würden?« dachte ich, während ich hinauf in den
Turm rannte, »vielleicht wäre es schön, so ein relativ
ruhiges Leben mit Aussicht auf 80 Jahre... Aber wäre es
nicht langweilig?«
Und in diesem Augenblick schwankte ich so, dass ich
dachte, ein Erdbeben erschüttere den Turm. Und ich
hielt mich am Treppengeländer fest. Nein, ich selber
war es, dessen Kopf nicht fest auf den Schultern saß.
Und ich fühlte wieder Olegs Zugriff, wie er mich von
hinten umklammerte, meinen Bauch mit beiden Händen
befühlte, weiter nach unten wanderte — und ja, es
war, als sei nicht der derbe blaugraue Hosenstoff dazwischen,
sondern seine Hände glitten über meine Haut!
Finger drangen in mich ein, zwängten mich auseinander,
und er war in mir! Leibhaftiger, er war in mir, als
wäre er wirklich da! Ich klammerte mich verzweifelt ans
Geländer, sah hinunter in die Tiefe, fühlte, dass die Balken,
so stabil sie auch aussahen, leicht schwankten, und
hier abzustürzen wäre wirklich kein Vergnügen. Ich
warf mich rückwärts gegen die Wand, weit genug weg
vom Geländer lehnte ich mich an die rohe Ziegelmauer.

Ich flehte ihn an, mich loszulassen, aber er hielt mich
weiter fest, und ich spürte ihn in mir, er fickte mich, als
käme er durch die Mauer, und ich begriff, dass er genau
das konnte. Habe ich ihn zum Leben erweckt, indem ich
sein Haar an mich nahm? Kaum hatte ich Zeit, darüber
nachzudenken, so gewaltig war er an mir und in mir,
wie zum Hohn schickte er ein Jucken und ein Zucken
durch meine Wirbelsäule, die mich zwang, verzweifelte
Bewegungen mit den Hüften zu machen, um das loszuwerden,
und ich begriff, dass mich dieses Wesen aus
dem Jenseits als seinen Concub genommen hatte, ohne
Rücksicht auf meinen Meister, ohne Rücksicht darauf,
dass er der vom König berufene Zar war. Denn Oleg,
das wurde mir jetzt klar, pfiff auf den König, er lachte
über meine Hilflosigkeit.
»Ah, du begreifst es langsam, sehr schön!« sagte er mir
ins Ohr, während er mich fickte, und erst war es äußerst
lustvoll, ich wurde spontan hart und fühlte ihn so deutlich,
als sei ein lebender Körper mit mir vereinigt, so,
dass es mir gefallen hätte, wenn ich nicht die ganze Zeit
daran gedacht hatte, ob ich meinen Partner jetzt betrog.
Und indem er im Rhythmus seiner Stöße sprach, bimste
er es mir ein: »Wir sind die Armee der Zöpfe, wir sind
die 24.000, die ihr zum Leben erweckt, und wir sind
noch mehr...«
Jetzt reichte es mir. »Verpiss dich!« schrie ich, »du
lügst doch, die 24.000 sind längst wiedergeboren, aber
du hängst zwischen den Welten herum und schikanierst
mich, weil du nicht weißt, wie du da wieder rauskommst!«

In diesem Moment zerbrach er vor meinem inneren
Auge, knickte ein, und seine roten Haare erloschen
schlagartig und schlugen in Grau um, als sei eben die
Sonne untergegangen.
»Amba, ich habe dich geliebt!« hauchte er. Und verging
wie Rauch.
»Oleg! Oleg! Geh nicht!« schrie ich entsetzt. Das hatte
ich nun wieder auch nicht gewollt.
Schritte wurden auf der Treppe hörbar. Ich wusste, es
war der Zar, ich kannte seinen Schritt inzwischen. Ich
sprang auf.
»Süßer, was hast du?«
»Lieber Meister, ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht...
«
Er zog mich in seine Arme. »Du weinst? Was ist los, sag
es mir.«

»Oleg... er ist vergangen... hat sich aufgelöst... er hat
mich... missbraucht...«
»Und über was genau weinst du jetzt?«