Startseite | Rechtschreibung

Band 4: Jäger und Gejagter

Tiger jagen allein

Amba/Dox, der 16jährige Schüler der Militärakademie
in Sukent/Venedig, ist für seinen Fehltritt von seiner
Mutter nach Nowgorod in Russland geschickt worden,
wo sie ihn der Obhut ihres Freundes Woron unterstellt
hat. Wir haben das Jahr 2009. Die russischen Homsarecs
haben einen Regionalherrscher, den sie »Zar«
nennen. Namen mit "X" sind weiblich. Cro sind die
"normalen" Menschen, die Nicht-Homsarecs. Sie selber
nennen sich die "Unsrigen".

Die grosse neue Stadt
Wir fuhren vorbei am Kreml — ja, nicht nur Moskau
hat einen! —, an den trutzigen Türmen und der massiven
Stadtmauer, die das Bild der Altstadt beherrschen.
Am Rande dieser hielt der Bus. Niemand war da, um
mich abzuholen, obwohl das ja so geplant war. Aber
offenbar brachten der plötzliche Tod des Zaren und das
Warten auf die Neuberufung einiges durcheinander,
und es war leicht möglich, dass ein kleines Licht wie ich
dann vergessen wurde. Ich erinnerte mich an die Adresse,
zu der ich gehen sollte, fand aber das Fax nicht mehr
in meinem Schultersack und heftete mich einstweilen
an einen der Mitfahrer und fragte, ob ich notfalls bei
ihm unterkommen könnte, falls ich den Mann nicht
anträfe, zu dem ich wolle. Er gestattete es mir ein wenig
brummig und zeigte auf ein Haus, in dem er mit seinen
Brüdern wohnte. Es sah wenig vertrauenerweckend aus,
abgewrackte Fahrzeuge und Waschmaschinen türmten
sich auf dem Hof. Die Wohngemeinschaft befand sich
in einem zweistöckigen Wohnhaus mit gelbem Putz und
abblätternder Farbe. Meinen Meister sollte ich in einem
weiteren Haus finden, das sich an der Ringstraße um
den Kremlbezirk befand, also eine gute Adresse.

Es war kalt und schneite.
Ich fragte mich zu der Adresse durch, die ich im Kopf
hatte, und fand ein tempelartiges Haus, in dem es ein
reges Kommen und Gehen gab, aber am Eingang standen
zwei Wachen und ließen niemanden ungeprüft ein.
An ihnen scheiterte ich, um es kurz zu sagen.
»So, da könnte ja jeder kommen«, war die erste arrogante
Aussage.
»Ich werde erwartet, geht doch fragen!« schnob ich verärgert.
Konnte aber leider das Fax nicht vorlegen. Einer
der beiden ging tatsächlich hinein, kam aber mit der
Antwort, jemand mit meinem Namen werde nicht erwartet.
»Aber Worón von den Pfauen ist doch hier?« versuchte
ich es ein letztes Mal.
»Schon, aber er lässt niemanden vor«, war die entmutigende
Auskunft.
Und ein anderer feixte und bemerkte, ich könne mich ja
schon mal in die Audienzliste des Außenministers eintragen.
»Würdet ihr mir wenigstens erlauben, ihm eine Notiz
zu hinterlassen?« fragte ich verzweifelt, und das wurde
mir dann gestattet. Ich schrieb also ein auch in aller
Kürze höfliches Briefchen, in dem ich ihn bat, Kontakt
mit Dox von den Tigern aufzunehmen, und nannte die
Adresse, bei der ich unterkommen konnte. Die Wache
stopfte sich den Zettel in die Tasche, so dass meine
Hoffnung schwand, dass er sich drum kümmern würde.
Also wanderte ich verfroren, hungrig und frustriert zu
dem Haus, das mir als Unterkunft genannt worden war.
Schon als ich eintrat, polterten zwei Betrunkene hinaus
und bedachten mich mit freundlichen Flüchen und einen
kräftigen Klaps auf den Po. Ich tappte durch einen
nach Kohl riechenden Korridor und versuchte, mich an
den Namen eines der Mitreisenden zu erinnern. Aber da
war nichts. Es schien ihnen nichts auszumachen, einer
kam auf den Korridor, um nachzusehen, wer da hereinkam,
umarmte mich kräftig, »sei gegrüßt, Bruder!« und
zog mich in einen Raum, in dem geheizt war, getafelt
wurde und wo Unsrige versammelt waren. Hier war
eine lustige Gesellschaft, die bei den Speisen tüchtig
zulangte, und Gastgeber, die mir auch gleich einen Teller
mit Teigtaschen, Frikadellen und Kohlsalat füllten.
Ich war gerettet.
Vorerst.
Natürlich versuchten sie sofort, mir Wodka einzutrichtern.
Ich tat so, als tränke ich mit ihnen, goss meinen
Wodka in das leere Glas des Mannes neben mir, der just
in ein Streitgespräch verwickelt war. Selber füllte ich
mein Glas heimlich mit Wasser und prostete allen Anwesenden
zu.
Ich bemerkte wohl die feurigen Blicke einiger Anwesender.
Wie meist, weckte ich die Begierde. Ich war mir
nicht sicher, wie ich meinen Arsch über diesen Abend
retten würde, denn dass ich einem Meister versprochen
war, glaubte mir sicher keiner. Ich war ja immer noch
ohne Ohrringe, wovon sich schon einige der Brüder
durch einen raschen Griff in meine Haare überzeugt
hatten. Und wie der Alkoholgehalt im Blut der Unseren
stieg, fühlte ich mich immer kleiner und zunehmend
ausgeliefert.
Es war erst halb fünf am Nachmittag, aber es dunkelte
schon, was ich nun zum ersten Mal in diesen Breiten
bewusst erlebte. Ich fragte also nach dem Weg zum Klo,
hätte es auch ohne Wegweiser am Geruch gefunden,
erleichterte mich hastig, griff mir dann mein Wintertuch
und den Schultersack, beides bei der Tür deponiert,
und stieg in den Oberstock, um diesen zu erkunden. Am
Ende des Korridors fand ich eine unverschlossene Abstellkammer,
in der ich mir auch ein Nachtlager würde
machen können. Denn hier gab es Bettzeug und Decken,
gelagert für den Fall größerer Besuchereinfälle. Ich war
satt. Und eine Wasserflasche hatte ich auch. Wenn alle
schliefen, würde ich mir eine Mitfahrgelegenheit suchen,
zurück nach Sukent, und diese Reise wäre gescheitert.
Etwas länger nur, als Pinkeln durchschnittlich dauert,
brauchten die Brüder, um zu begreifen, dass ich nicht
zurückkam. Hatten mich also voll auf dem Schirm. Sie
polterten durch den Gang und riefen nach ‘Dox’, der
‘Süßen’, wo sie denn wohl steckte, riefen einander zu:
»Hier ist sie nicht!«, immer, nachdem sie eine Tür geöffnet
hatten.
Die homophoben Machos! Können nicht zugeben, dass
sie schwul sind. Selbst die Unsrigen sind hier so drauf!
Russland halt.
Ich erwartete also mein Schicksal und nahm es als die
karmische Folge dessen hin, was ich Purix angetan hatte.
Aber da las ich noch jemanden. Ich fühlte, dass mein
Meister mich suchte. Das heißt, er baute auch von sich
aus eine Verbindung zu seinem neuen Pais auf!
Er schicke jemanden nach mir, war die Botschaft.

Da riss jemand die Tür auf und schrie: »Hier ist er!«
Weitere Schritte wurden auf der hölzernen Stiege hörbar
und näherten sich durch den Korridor.
»Was machst du denn hier?«
»Wolltest du denn schon schlafen? Und auch noch allein?«
»Ach ja, er sagte, er hat einen Meister, wer soll denn das
sein, der Zar vielleicht?«
Brüllendes Gelächter aus fünf, sechs besoffenen Kehlen
folgte dieser Frage.
»Komm, Süße, zier dich nicht!« Und unter dem grölenden
Gesang eines Volkslieds zogen sie mich hoch und
zwangen mich zu einem eng umschlungenen Tanz
durch den dunklen Korridor:
»Draußen auf der Straße, da geht ein kalter Wind.
Und in diesem Schneesturm
seh ich dich, mein schönes Kind.
Bleib doch stehn, bleib stehn, bleib stehn,
du Allerschönste mei-hein,
gönn mir deinen Anblick, Freude sollst mir sein!«
»Ты постой, постой, красавица моя,
Дозволь наглядеться, радость, на тебя!«

Sie hatten mir schon das Wintertuch und meinen Schultersack
entwunden, und nun bugsierten sie mich ins
Wohnzimmer, wo einer eine Decke über die Chaiselongue
breitete. Schon schoben und hoben sie mich auf
das Möbel, und der Verfolger, der mich in der Kammer
entdeckt hatte, besaß offenbar das Recht des ersten
Ficks, schob mir den Kilt hoch und spreizte mir die
Backen, und ich fühlte etwas Kühles, soviel Rücksicht
besaßen sie immerhin, mich zu gelen. Ein Weiterer
wühlte mir in den Haaren. Ich zählte sechs, die mich
umstanden und die Aktivität ihres Alpharüden beobachteten.
»Hört auf, ich gehöre Worón von den Pfauen!« schrie
ich, »ich bin ihm gegeben! Durch meine Mutter!« Aber
der Anführer versenkte sich bereits mit einem schmerzhaften
Stoß in mir.
In diesem Moment erklangen Schritte schwerer Stiefel
auf der Treppe und waren schon im Zimmer.
»Sofort lasst ihr ihn los!« erklang eine weibliche Stimme
in herrischem Alt, und eine Amazone in voller
Kampftracht stand mit gezückter Lanze im Raum. Meinem
Beschäler schrumpfte sofort das Volumen. Auch
die anderen zogen sich vor mir zurück.

Ich drehte nun vorsichtig meinen Kopf, und außer einer
weiteren Amazone mit den Insignien des Zaren trat ein
Gardo ein.
»Weg da!« fauchte sie noch einmal, als die Ertappten
mir nicht schnell genug aufhalfen. Die anderen waren
wie erstarrt und machten keinen Versuch, mich aufzuhalten,
als die Amazone mir winkte, zu ihr zu treten,
und meinen Kilt runterzog, während die andere sich
meinen Schultersack schnappte, auch mein Wintertuch,
und mit einem drohenden Blick in die Runde nahmen
sie mich in die Mitte und geleiteten mich aus dem Haus.
Wir schritten flott aus, umrundeten den Kreml-Bezirk,
überquerten ein paar Straßen und erreichten binnen
kurzem den klassizistischen Bau, vor dem ich schon
vorher vergeblich um Einlass gebeten hatte.
Man führte mich eine breite Treppe hinauf, auf der alle,
die uns begegneten, respektvoll grüßten. Viele hatten
eine schwarze Binde um den Arm, leicht zu erkennen,
dass man um den Zaren trauerte. Jemand schmückte
eine breite Tür mit Lichterketten und Girlanden aus
papierenen Kunstblumen. Durch diese traten wir nun
ein, und in dem Salon, den ich vor mir sah, gab es ein
großes Sofa, von dem ein Mann sich erhob, um mich zu
begrüßen. Der Gardo sagte leise, dies sei Worón, mein
neuer Meister; er gab mir einen kleinen Schubs, damit
ich auf ihn zuging, und blieb an der Tür stehen.
Worón war mittelgroß und sehnig, und seine Schultern
waren von einer Flut dunkel burgunderfarbener Haare
bedeckt. Das Tattoo eines Pfauen war eben noch sichtbar.
Seine Haut war goldgelb getönt, und er war völlig
nackt. Ich fiel sogleich auf meine Knie, wie man es bei
der ersten Begegnung mit seinem Meister tut.
Ich küsste seine Hand, führte sie an die Stirn und wisperte:
»Lieber Meister, vergeben Sie mir, ich wollte
nicht...«
»Komm, steh auf!« befahl er mir freundlich, »ich habe
genug gehört.«
Mein Meister öffnete die Tür zu einem kleinen Salon
und ließ mich folgen, hier schloss er ab.
Worón ließ sich in die Kissen eines Lehnstuhls fallen,
neben dem eine kleine Kommode stand, und wies auf
einen gepolsterten Hocker, auf den ich mich setzte.
»So, da wären wir in meinem Privatsalon«, sagte er, »es
tut mir leid, wie gesagt, dass ich dich beim ersten Mal
abgewiesen habe, aber ich ahnte nicht, dass du das bist.
Ich erwartete Amba von den Tigern, was sollte mir da
eine Amazone Dox? Gut, dass du den Namen deiner
Mutter mitnotiert hast. Ich wäre in großer Verlegenheit
gewesen, als sie anrief. Aber ich konnte ihr immerhin
sagen, dass ich weiß, wo du bist, und dass ich dich abholen
lasse. — Komm, knie dich vor mich!«
Das tat ich. Er fragte mich nun, ob ich den Wunsch hätte,
sein Pais zu sein und seine Bücher und seinen Tisch
mit ihm zu teilen, und ich sagte auf beides »ja«.
Nun kam die dritte Frage:
»Amba von den Tigern, bist du willens, mein Pais zu
sein und mein Bett zu teilen?«
Hier erlaubte die Tradition mir ein Nein. In diesem Fall
würde er die Frage noch einmal stellen, ob ich willens
sei, sein Haus zu teilen, damit würde ich lediglich in ein
Zusammenleben einwilligen. Ich bejahte aber und sah
ihm dabei fest in die Augen.
»Wir wiederholen diese Zeremonie vor Zeugen, wenn
keine Trauer mehr herrscht«, erklärte er, »aber ich will
dir jetzt Ohrringe geben — nach diesem Intermezzo
heute scheint es mir notwendig... Es tut mir leid, aber
unsere Landsleute sind teils recht ungehobelt. Also:
Möchtest du meine Ohrringe tragen?«
»Ja, lieber Meister, vielen Dank!« strahlte ich ihn an.

Wir wurden ja meist im Alter von 14-16 Jahren aus der
Obhut der Eltern in die Hände eines Meisters oder einer
Meisterin gegeben, so dass uns immer jemand beschützte.
Dass wir zwischendurch Freiwild sein würden,
das war nicht vorgesehen.
Er zog meine Hüften zwischen seine Schenkel und
nahm mein Gesicht in beide Hände und küsste mich
lange und zärtlich. Dann streichelte er meine Haare,
meine Wangen und meine Schultern. Es war klar zu
erkennen, wie sehr ich ihm gefiel.
Nun legte er sich ein Kissen auf den Schoß, worauf ich
meinen Kopf bettete. Ich hörte, wie er eine der Schubladen
der Kommode öffnete. Er schob meine Haare zur
Seite und rieb mein Ohrläppchen mit etwas Kaltem ein.
Ich wusste, nun würde der Stich kommen, und ich hielt
einen Moment die Luft an. Es tat nicht besonders weh.
Er schob flink den Ring durch das Loch und ließ mich
dann den Kopf drehen, und das andere Ohr kam dran.
Als ich mich erheben und in einen Spiegel sehen durfte,
bewunderte ich die kleinen goldenen Kreolen, dankte
ihm noch einmal, und nun war ich so stolz und fand
mich schön, fühlte mich erwachsen und sicherer als je
zuvor. Jetzt hatte ich vor aller Welt das Recht, mich zu
verweigern, denn ich gehörte zu jemandem.

Gegen Morgen wurde ich zugleich mit ihm wach, ohne
dass er mich ansprach.
Ich drehte mich zu ihm um.
»Mein süßer Pais«, murmelte er an meinem Ohr.
»Lieber Meister«, antwortete ich.
Er fand meinen harten Schwanz. Und er wiederum
wurde hinter meinem Rücken hart. Ich breitete mich
aus und rückte mich in Pose. Er knetete meine Hinterbacken
mit der einen Hand und liebkoste meine Eier
mit der anderen. Zwischendurch ließ er mich wieder los.
Eine Dose öffnete sich mit hohlem Schnalzen. Ich zitterte
vor freudiger Erregung. Das Gel schmolz in meiner
Spalte und wurde in meine bereitwillige und entspannte
Öffnung verteilt. Der Rest machte seinen Schaft geschmeidig.
Seine Hand hielt mich fest, so dass er wohlgezielt
einfuhr. Dann hielt er still. Hielt Zwiesprache.
Unsere Körper unterhielten sich. Unsere Köpfe lasen
sich. Bevor er meinen Körper fickte, tat er das mit meinem
Kopf. Ich sah alles, was er tun wollte, bevor er es
tat, vibrierte in Erwartung dessen, was ich sah, und als
es dann geschah, erlebte ich jeden Moment der Lust
zweimal, so als sähen wir dabei einen Film.

Was immer ich vorher erlebt hatte, ich würde es nicht
tauschen. Mir war, als hätte sich in mir eine neue Tür
geöffnet.
Wir badeten in einer Wanne mit uralten Armaturen und
leicht blätterndem Putz über uns. Wieder waren seine
Finger überall, sie genossen, nahmen in Besitz, kitzelten
und prüften. Ich hoffte, er würde mich ein weiteres Mal
nehmen, aber es blieb bei dem einen. Einmal am Tag,
sagte er, da sei er eisern. Und er werde auch bei mir
nicht mehr zulassen. Mir schossen freche Ideen durch
den Kopf, wie er das wohl kontrollieren wolle, wenn er
tagsüber mit Regieren beschäftigt sei?
Ein scharfer Klaps beantwortete meine Gedanken, einer,
der meinen aus dem Wasser ragenden Oberschenkel auf
der Innenseite traf und richtig wehtat. Sofort sah man
die Kontur von vier Fingern.
»Wage es nicht!«
Soviel zu meinen Aussichten, Freiheiten zu genießen.