Homsarecs-Leseproben
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C. Alex R. Crane

"Zusammengeschmiedet durch eine Eucharistie der Verworfenheit"...
... so beschreibt einer der Teilnehmer an einem "Bankett Alten Stils" das Gefühl, das sie verbindet.
Es handelte sich um einen der eigenen Rasse, der am "Zustand" gestorben ist, doch auch sonst ist es streng verboten, zu diesem Zweck zu töten.
Isegrim/Lelo war wegen Mitwirkung an einem solchen verbotenen Bankett in Haft und wurde einem Therapeuten vorgestellt; hier erzählt er dem Dogen von dieser Episode seines Lebens.

Der Therapeut, der mich im Knast zu heilen versuchte, öffnete und schloss seinen Mund. Er machte Geräusche. Aber ich konnte kein Wort verstehen oder ob es sich überhaupt um Worte handelte, konnte ich nur vermuten. Dafür aber konnte ich ihn lesen. Er fragte sich in seinem viel zu engen Kopf, ob ich dumm oder nur verstockt war.

Die Erinnerung brachte mich dazu, noch ein Stück weiter zu gehen. „Viele habe mich früher für dumm gehalten“, gab ich zu. Ich blickte meinen geliebten Dogen an. „Ihr wahrscheinlich auch. Aber damit hattet Ihr auf der einen Art auch Recht. Es lag an den Banketts. Sie verändern uns und machen uns ein wenig verrückt. Das Fleisch macht uns euphorisch. Doch die Tulpenblätter sind weit gefährlicher. Sie gehen ins Hirn und verändern uns. Bringen uns durcheinander.“

Der Doge rückte seinen Sitz zurecht. In seinem Gesicht konnte ich nur unschwer lesen und doch erkannte ich eine Art Alarmiertheit. „Tulpenblätter?“, fragte er.

„Ja, ich denke, Ihr kennt sie nicht. Wir …“ Ich zögerte. Wie weit sollte ich es erklären. Aber er hatte ein Recht, dass ich ihn einweihte. Es war meine Pflicht, es ihm zu sagen, so dass er entscheiden konnte. Sie, ich, wir – nun, wir haben das Fleisch in sehr feine Scheiben geschnitten und dann getrocknet, um es aufzubewahren. Wenn man die Faser längs schneidet, dann rollt sich das Fleisch auf und die Blätter wirken wie welke Tulpen. Es spricht sozusagen. Darum redet man auch davon, vom „Lebenden zu essen“.“

Mein Doge sah mich fassungslos an.

„Du bist ein Experte? Du weißt von der Praxis und den Geheimnissen?“

Mein Herz schlug etwas schneller. Ich offenbarte ihm hier und jetzt ein Teil meiner Vergangenheit, die für mich nicht mehr den gleichen Wert wie damals hatte. Mit meinem heutigen Wissen konnte ich dem nicht mehr gelassen gegenüberstehen. „Ich weiß nicht mehr, als die Nachtschwalben wissen“, sagte ich und log dabei noch sagte ich die volle Wahrheit.

Mein Doge lachte. „Du bist mir einer. Wenn einer etwas über intelligentes Fleisch und von den Riten weiß, dann sin des die Nachtschwalben. Niemand von uns hatte mehr damit zu tun als die Nachtschwalben. Also, sei ehrlich!“

Ich senkte den Kopf. „Das, was Ihr da am Waldrand gegessen habt, waren Tulpenblätter.“

„Hah, das dachte mich mir doch“, stieß der Doge aus und wirkte geradezu euphorisch.

„Hat es Ihnen denn nichts ausgemacht?“, fragte ich etwas verwundert. Ich hatte mit einer etwas anderen Reaktion gerechnet.

„Ach was! Ich war im Rausch. Im beginnenden Zustand. Du weißt es. Ich wusste, was ich bekam, aber ich urteilte nicht. Und du gewährst mir nicht, was mir gebührt: Du sprichst mit mir auf der mittleren Stufe der Höflichkeit.“ Damit meinte er, dass ihm nicht entgangen war, dass ich ihn nicht in der zweiten Person Plural ansprach. Also mit Sie statt dem ihm von meiner Person zu verwendenden Ihr. Doch es gab Regeln und es gab andere Regeln, die diese aufhoben.

„Das hat seine Richtigkeit“, korrigierte ich ihn dreist, aber nicht unhöflich. „Ich bin in diesem Gebiet ein Kollege. Ein Eingeweihter des Zweiten Grades der Nachtschwalben. Das bedeutet, ich darf das Fleisch auch vor- und zubereiten. Nicht nur essen“, gab ich endlich die ganze Tragweite meines Wirkens zu.

Der Doge lächelte. „Dann haben Sie“, meinte er und erkannte mit nur drei Worten meinen Status an, „wahrscheinlich etwas dagegen, wenn wir diesen Brauch ganz abschaffen werden.“

Ich konnte nicht mehr reagieren, darum konnte ich auch keine Lehren aufnehmen. Der Therapeut im Knast bewegte den Mund und machte Geräusche, ich sah ihn an und konnte kein Wort verstehen. Aber ich las ihn! Er fragte sich, ob ich dumm oder total bockig sei.
„Viele haben mich früher für dumm gehalten“, sagte ich, „Ihr wahrscheinlich auch.“

Er schwieg.
„Es lag an den Banketts“, sagte ich, „sie machen uns ein bisschen verrückt. Es ist was drin, das macht uns euphorisch, aber die Tulpenblätter gehen auch aufs Gehirn und bringen uns durcheinander.“

„Tulpenblätter?“
„Ja, das kennt Ihr nicht. Wir... Sie haben das Fleisch in dünne Scheiben geschnitten und getrocknet, um es aufzubewahren. Und wenn man längs der Faser schneidet, dann rollt es sich auf wie welke Tulpen. Es spricht. Darum redet man vom ‘Lebenden’.“

Er starrte mich fassungslos an.
„Du bist ein Experte darüber?“
„Ich weiß nicht mehr darüber als die Nachtschwalben.“
„Haha, die sind Experten! Niemand hat mehr damit zu tun als die Nachtschwalben.“
„Das, was ihr da am Waldrand gegessen habt, waren Tulpenblätter.“
„Dachte ich es mir doch.“

„Hat es Ihnen nichts ausgemacht?“
„Ich war in einem Rausch. Im beginnenden ‘Zustand’, wie du weißt. Ich wusste, was ich da bekam, aber ich war urteilslos. Und übrigens: Du sprichst mit mir auf der mittleren Stufe.“

Das meinte, dass ich ‘Sie’ sagte und nicht ‘Ihr’.

„Das hat seine Richtigkeit, Kollege. Ich bin ein Eingeweihter des Zweiten Grades der Nachtschwalben. Ich darf vorbereiten, nicht nur essen.“

„Dann haben Sie“ — wohlgemerkt, es war der Doge, der mich plötzlich siezte! — „wahrscheinlich eher etwas dagegen, wenn wir diesen Brauch ganz abschaffen?“

Warum das Gespräch jetzt so eine Wendung nahm, wird niemand so recht verstehen, der nicht in der Cultura ist und mit ihren Bräuchen vertraut.
Es gibt innerhalb der Cultura einige Geheimorden. Und sie werden respektiert, auch wenn die anderen nicht mit den Inhalten einverstanden sind, die sie vertreten.
Selbst wenn sie scharf bekämpft werden, wird der Rang, den wir in einer solchen Hierarchie einnehmen, allgemein akzeptiert.

...

Ich wusste von den Grundsätzen, wie mit Heiligem Fleisch umzugehen war: „Ästhetisch, respektvoll und diskret“, lauteten die Regeln, die für alles galten, was damit zusammenhing. Ich war vom Nachtschwalbenstamm darin ausgebildet, dass jede noch so kleine Handlung zählte.
Wir verbeugten uns vor dem Opfer, bevor wir anfingen, wir achteten auf unsere Worte, die so sein mussten, als höre die Person sie noch.
Die kleinsten Scherze bei dieser Verrichtung wurden streng bestraft.

Nach außen sprachen wir nicht über unseren Rang im Orden.