C1. Jona Dreyer

Jona Dreyer/Lilith Dandelion

Jona Dreyer ist die Autorin der "Inselreich-Saga", einer Reihe von inzwischen 5 Bänden, der neueste, "Der Veilchengraf" ist just, im Oktober 2018, erschienen. In ihrer Version legt sie Wert darauf, die emotionalen Reaktionen stärker herauszuarbeiten und sie den LeserInnen fühlbar zu machen.

In der großen Pause fasste ich den Mut und sprang aus dem Klofenster, um nach Hause zu laufen. Noch hatte es nicht zur nächsten Unterrichtsstunde geläutet und mein Fehlen war wahrscheinlich niemandem aufgefallen.
„Hey, wo willst du hin?“
Erschrocken hielt ich auf meinem verstohlenen Weg über den Schulhof inne und drehte mich um. Erleichtert stellte ich fest, dass es nicht Bergenschein war, der mich angesprochen hatte, sondern sein Stellvertreter, der mich nicht so gut kannte.
„Ich habe meine Hausaufgaben auf dem Tisch vergessen“, log ich hastig.
Er nahm mich kurz in Augenschein und nickte schließlich. „Verstehe. Beeil dich, die Pause ist bald vorbei.“
Bevor er es sich anders überlegen konnte, wandte ich mich ab und machte mich davon, rannte den Weg bis nach Hause und die Treppen hinauf.
„Papa, es tut mir so leid, dass ich dir Probleme mache“, rief ich, als ich den Flur betrat. Mein Vater saß in der Küche, noch im Bademantel; offenbar war er gerade erst aufgestanden. Er war nicht allein. Jemand saß neben ihm.
„Papa“, wiederholte ich noch einmal und betrat die Küche.

Er drehte sich um. Aber ich hatte nur Augen für den Besucher, der am Tisch saß und lässig eine Selbstgedrehte rauchte. Er trug eine Arbeitshose und ein fleckiges Hemd. Eine Schirmmütze mit der Aufschrift Richtfest. Langsam hob er den Blick, aber ich wusste bereits, wen ich vor mir hatte: Isatai.
Dreh dich um, Iván. Renn weg. Nein. Ich konnte Vater nicht im Stich lassen, weil ich ahnte, dass der von Isatai unter Druck gesetzt wurde. Er will mich holen. Und Papa redet es ihm hoffentlich aus.
„Ach, Iván!“ Vaters Miene erhellte sich und er warf einen Seitenblick auf unseren Besucher. „Du kennst ihn ja schon. Iván, das ist Isatai, mein Ex-Schwager.“
Wow. Das war krass.

„Wir müssen eine Entscheidung treffen“, fuhr Papa fort, „bevor Alida von der Arbeit und Mina aus der Schule kommt. Ich wollte nicht, dass du mit ihnen Kontakt aufnimmst, allein schon weil ich dann wieder mit Schikanen rechnen muss. Vor allem aber, weil deine Mutter mir die Hölle heiß machen wird, wenn ich nicht alles unternehme, um das zu verhindern. Wir haben ohnehin schon Streit, weil ich die Namensänderung nicht unterschreibe.“
Mit einem Wink gab ich Papa zu verstehen, mir in den Flur zu folgen. Zog ihn ins Bad und schloss die Tür hinter uns. Vermutlich war das Badezimmer der einzige Raum, der kaum oder gar nicht abgehört wurde, weil hier auch Dinge stattfanden, denen keiner wirklich lauschen wollte.
„Ist das wirklich dein Ernst, Papa?“, brachte ich mit unterdrückter Heftigkeit hervor. „Die Homsarecs sind pervers. Du hattest völlig recht mit deiner Warnung. Du bist ihnen doch auch weggelaufen, oder?“
Er lächelte und wandte den Blick ab. „Nein, das hatte andere Gründe. Es war wegen Alida, ihretwegen habe ich die Cultura verlassen.“
„Und deine Warnungen? Alles Blödsinn?“
„Nicht doch.“ Er seufzte tief und musterte mich nachdenklich. „Ich wollte dich genau vor dem bewahren, was jetzt passiert, aber es ist wohl schon zu spät. Du warst bereits bei ihnen und du bist erwachsen, deshalb solltest du die Wahrheit erfahren. Ich wollte dir ersparen, in die Fänge des Staats zu geraten. Das wäre viel schlimmer.“
„Isatai hat dieses Mädchen geschlagen“, murmelte ich trotzig.
„Aber sie will das“, gab Papa zu bedenken, „sie liebt es.“
Unwillkürlich schoss mir das Blut in die Lenden. Papa würde es kaum bemerken, aber ich schämte mich vor mir selbst.
„Wenn ich dich Isaitai übergebe, werden sie dich schützen.“ Er sah mich eindringlich an. „Besser, als ich es kann. Es wäre am besten“, er räusperte sich ein wenig unbehaglich, „es wäre am besten, wenn du gleich mit ihm gehst.“
Ist das dein Ernst? Ich konnte es kaum fassen. Erst sollte ich mich um jeden Preis von den Homsarecs fernhalten, und jetzt übergab er mich Isatai, einfach so?
Auf einmal wurde mein Vater ein anderer für mich. Ein Fremder. Ich spürte den Widerstand in mir aufsteigen, begleitet von nackter Panik. Aber dann war da noch etwas. Etwas, was ich nicht wahrhaben wollte und doch nicht vor mir selbst leugnen konnte: Geilheit. MassiveGeilheit.
Er schenkt mich ihnen wie einen Gegenstand. Gibt mich ihnen zur Aufbewahrung. Mein Atem ging schwer. Ich starrte Vater an. Aber dann entzündete sich erneut ein Funke von Vernunft in mir.
„Du willst den Bock also zum Gärtner machen, ja?“
„Er wird dir nichts tun, was du nicht willst“, beschwichtigte Vater.
„Ich will aber nicht in seinen Harem“, erklärte ich entschieden.
„Harem?“ Vater schien keine Ahnung zu haben, wovon ich sprach.
„Er hat zwei Frauen.“
Vater grinste amüsiert. „Das hat er noch gar nicht erzählt. Aber keine Sorge, ich gebe dich ihm als eine Art Adoptivkind, nicht fürs Bett. Was denkst du denn von mir? Es ist bei ihnen üblich, dass man die Kinder seinem besten Freund gibt, wenn sie alt genug sind, und das bist du. Und du hast gegen alles ein Widerspruchsrecht.“
Darüber musste ich erst einmal einen Moment nachdenken. Ich hatte es mir so vorgestellt, dass ich ihnen dort ausgeliefert war, aber anscheinend kannten sie doch so etwas wie Absprachen. Ich dachte darüber nach, ob er mich denn schlagen dürfe. Als Erziehungsberechtigter ...
„Vielleicht gehst du erst einmal zur Schule zurück, und er holt dich in den nächsten Tagen von dort, dann merkt niemand, dass ich einverstanden bin“, schlug Vater vor. Wie feige.
„Ich muss aber doch heute zum Haareschneiden“, protestierte ich hilflos, als ob das jetzt noch irgendeine Art von Wichtigkeit besäße.
„Wieso bist du denn dann hier, Wanja? Ich habe mich schon gewundert, dass du so früh aus der Schule kommst.“
„Ach, du unterstützt mich auch nicht!“
„Iván, ich habe nicht gesagt, dass ich das billige. Ich halte es für Körperverletzung. Mir geht es nur darum, dass sie dich nicht erniedrigen.“
„Papa, hilf mir!“ Aus einem Impuls heraus schlang ich meine Arme um seinen vertrauten Leib, klammerte mich an ihn wie ein Kind.
„Ich habe nicht die Macht dazu“, gab er matt zurück. „Manchmal muss man nachgeben, um sich vor Schlimmerem zu bewahren. Vielleicht stehen dir ja kurze Haare ...“
„Pa!“
„Entschuldige, Wanja.“
Er setzte sich auf den Rand der Wanne, ich tat es ihm gleich.
„Was machen wir nun?“, fragte ich nach einer kleinen Weile des Schweigens.
„Mir wird was einfallen“, versprach er und klang dabei überzeugter als er vermutlich war.

Ich hatte noch viele Fragen, aber ich schwieg. Etwas hielt mich zurück. Vielleicht das Gefühl von etwas Wunderbarem, das ich nicht allzu rasch enthüllen wollte. Die Aussicht auf unendliche Möglichkeiten, das Licht in meinem Kerker der Einschränkungen, die silbernen Strahlen der Freiheit.
Eilig gab Vater mir Instruktionen. Er sprach schnell und leise, beinahe hastig. „Wenn du schon so viel gesehen hast und es dir gefällt, dann müssen wir auf alle Fälle verhindern, dass die staatlichen Stellen dich noch einmal in die Finger bekommen, denn dann bist du in großer Gefahr.“ Er verstummte und schaute mich nur vielsagend an.
Schweigend kehrten wir in die Küche zurück. Mein Herz pochte vor Aufregung. Isatai saß noch immer da, inzwischen ohne Mütze. Seine langen Zöpfe hingen über seine Schultern. Er sah wirklich aus wie ein indianischer Bauarbeiter.
„Isatai“, begann Vater mit feierlicher Miene, „im Angesicht Gottes gebe ich dir meinen Sohn zum Pais.“ Er nahm meine Hand und legte sie in die von Isatai. „Mama wird mich töten“, setzte er hinzu.
Isatai legte seine linke Hand auf meine. Ich fühlte seine fast schon tröstliche Wärme.
„Maurice, im Angesicht Gottes nehme ich deinen Sohn zum Pais“, erklärte er nicht weniger feierlich, „und nun müssen wir los. Wir lassen von uns hören. Für dich ist immer Platz bei uns, mein Freund. Denk darüber nach.“ Er verstaute die Zöpfe unter der Arbeitsmütze.
Vater schüttelte den Kopf. „Wegen Alida“, murmelte er tonlos.

In der großen Pause sprang ich also aus dem Klofenster und lief nach Hause. Mein Glück: Bergenschein war nicht da, sondern sein Stellvertreter, der mich nicht so gut kannte. Noch war die Pause nicht vorbei, war mein Fehlen wahrscheinlich nicht entdeckt. Ich log, ich hätte meine Hausaufgaben auf meinem Tisch vergessen.
„Papa, es tut mir so leid, dass ich dir Probleme mache“, rief ich schon im Flur, als ich ihn in der Küche sitzen sah, im Bademantel, also aus dem Bett geholt; aber da war noch jemand.
Mein Vater drehte sich um, als ich kam; da er den Schlüssel hörte, erwartete er ein Familienmitglied. Und da war ein Besucher, den ich am allerwenigsten erwartet hatte, und der rauchte zusammen mit Papa eine Selbstgedrehte und trank Kaffee-Ersatz mit ihm. Er hatte eine Arbeitshose und ein fleckiges Hemd an, eine Schirmmütze mit der Marke der staatlichen Baufirma ‘Richtfest’ auf, drehte sich zu mir um, und ich erkannte — Isatai.
Mein erster Gedanke war, umzudrehen und wegzurennen. Aber vielleicht ließ ich damit Papa im Stich, den der da offenbar unter Druck setzte.
„Er will mich holen, und Papa redet es ihm aus“, dachte ich.
„Ach, Iván“, — und er drehte sich wieder zu Isatai, „du kennst ihn ja schon. Iván, das ist Isatai, mein Ex-Schwager.“
Wot. Das war krass.

„Wir müssen eine Entscheidung treffen“, sagte Papa, „bevor Alida von der Arbeit kommt, bevor Mina aus der Schule kommt. Ich wollte nicht, dass du mit ihnen Kontakt aufnimmst, auch weil ich dann wieder mit Schikanen rechnen muss. Vor allem aber, weil Mama mir die Hölle heiß macht, wenn ich nicht alles tu, um das zu verhindern. Wir haben sowieso schon Krach, weil ich die Namensänderung nicht unterschreibe.“
Ich winkte Papa zu, in den Flur zu kommen, und zog ihn ins Bad, wo man die Tür richtig zumachen konnte. Und wir nahmen an, dass nur das Bad nicht richtig abgehört wurde, wahrscheinlich wegen der ästhetischen Empfindlichkeit der Abhörenden.
„Aber die Homsarecs sind pervers, Papa, du hattest recht mit deiner Warnung. Du bist ihnen doch auch weggelaufen, oder?“
Er lächelte. „Nein, das hing anders zusammen. Das war wegen Alida. Ihretwegen habe ich die Cultura verlassen.“
„Und was war mit deinen Warnungen?“
„Ich wollte dich davor bewahren, genau vor dem, was jetzt passiert ist, aber nun warst du ja schon bei ihnen. Du bist erwachsen, und darum sagen wir dir jetzt, wie es sich wirklich verhält. Ich wollte dir ersparen, dass der Staat dich in die Zange nimmt, das ist schlimmer...“
„Isatai hat dieses Mädchen geschlagen“, murmelte ich trotzig.
„Aber sie will das. Sie liebt das.“
Auf der Stelle schoss mir das Blut in die Lenden, aber das war mir peinlich, auch wenn er es nicht sah.
„Wenn ich dich Isatai übergebe, werden sie dich schützen, besser, als ich es kann. Du könntest gleich mit ihm gehen“, überlegte er.
Wie jetzt — erst sollte ich mich unbedingt fernhalten, und nun gibt er mich Isatai?

In diesem Moment wurde mein Vater förmlich ein anderer für mich. Protest wallte in mir auf. Der Gedanke, er gebe mich weg an die Homsarecs, löste erst Panik aus, dann plötzlich massive Geilheit. Er schenkt mich ihnen wie einen Gegenstand! Er gibt mich zur Aufbewahrung! Ich atmete schwer und starrte ihn an.
Dann siegte wieder die Vernunft.
„Den Bock zum Gärtner machen?“ platzte ich raus.
„Er wird dir nichts tun, was du nicht willst“, antwortete Papa ernst.
„Ich will aber nicht in seinen Harem!“
„Wie — Harem?“
„Er hat zwei Frauen.“
Papa grinste. „Das hat er noch gar nicht erzählt. Aber keine Sorge, ich gebe dich ihm als eine Art Adoptivkind, nicht fürs Bett, was denkst du von mir. Es ist bei ihnen üblich, dass man die Kinder seinem besten Freund gibt, wenn sie alt genug sind, und das bist du. Und du hast gegen alles ein Widerspruchsrecht.“
Darüber musste ich erst einmal einen Moment nachdenken. Ich hatte es mir so vorgestellt, dass ich ihnen dort ausgeliefert war, aber anscheinend kannten sie doch so etwas wie Absprachen. Ich dachte darüber nach, ob er mich denn schlagen dürfe. Als Erziehungsberechtigter...
„Vielleicht gehst du erstmal zur Schule zurück, und er holt dich in den nächsten Tagen von dort, dann merkt niemand, dass ich einverstanden bin...“
„Ich muss aber doch heute zum Haareschneiden“, kam es so raus wie ein Hilfeschrei.
„Wieso bist du denn dann hier, Wanja? Ich habe mich schon gewundert, dass du so früh aus der Schule kommst.“
„Ach, du unterstützt mich auch nicht!!“
„Iván, ich habe nicht gesagt, dass ich das billige. Ich halte es für Körperverletzung. Mir geht es nur darum, dass sie dich nicht erniedrigen.“
Spontan umarmte ich ihn: „Papa, hilf mir!“
„Iván, ich habe nicht die Macht dazu. Manchmal muss man nachgeben, um sich vor Schlimmerem zu bewahren. Vielleicht stehen kurze Haare dir sehr nett...“
„Pa!!“
„Entschuldige, Wanja.“
Er setzte sich auf den Rand der Wanne, ich tat es ihm nach.
„Was machen wir nun?“ fragte ich.
„Mir wird was einfallen“, gab er sich zuversichtlich.

Ich war noch so voll von Fragen, aber ich schwieg. Etwas hielt mich zurück; vielleicht war es das Gefühl von etwas Wunderbarem, das ich nicht allzu rasch enthüllen wollte; ja, ich genoss das Vorgefühl von unendlichen Möglichkeiten, das Licht in meinem Kerker der Einschränkungen, die silbernen Strahlen der Freiheit.
Und nun unterrichtete er mich eilig. Er sprach schnell und leise und beinahe hastig.
„Wenn du schon so viel gesehen hast und es dir gefällt, dann müssen wir auf alle Fälle verhindern, dass die staatlichen Stellen dich noch einmal in die Finger bekommen, denn dann bist du in großer Gefahr...“
Er verstummte und schaute mich nur vielsagend an.

Wir kehrten in die Küche zurück. Isatai saß noch immer da, inzwischen ohne Mütze, und seine Zöpfe hingen über seine Schultern. Er sah wirklich aus wie ein indianischer Bauarbeiter.
„Isatai“, sagte Papa, „im Angesicht Gottes gebe ich dir meinen Sohn zum Pais.“ Er nahm meine Hand und legte sie in die von Isatai. „Mama wird mich töten“, setzte er hinzu.
Isatai legte seine linke Hand auf meine, und ich fühlte seine Wärme. „Maurice, im Angesicht Gottes nehme ich deinen Sohn zum Pais“, sagte Isatai, „und nun müssen wir los. Wir lassen von uns hören. Für dich ist immer Platz bei uns. Maurice, überleg’s dir.“
Er verstaute die Zöpfe unter der Arbeitsmütze.
Papa schüttelte den Kopf. „Wegen Alida“, murmelte er tonlos.