Unterschlupf

Unterschlupf

Isatai

der Hausherr in der Villa Tischbeinstraße

Tatsächlich zogen Wolken auf, aber das veranlaßte mich nicht, nach Hause zu gehen. Statt dessen lenkte mich eine innere Macht in die Straße mit der weißen Villa und der Blutbuche im Garten. Und da war er auch noch, mein Verfolger. Inzwischen hatte er die Jacke abgelegt und schlug den Putz vom unteren Teil der Fassade unterhalb der großen Glasveranda. Der Veranda vorgelagert war eine überdachte Terrasse; hier war das Dach mit Glasscheiben bedeckt, eine Gruppe von Korbstühlen stand um einen kleinen Tisch. Oben auf dem Dach der Veranda kletterte einer völlig nackt herum und reparierte die Dachpappe.
Ich sah, daß er eine Tätowierung auf der rechten Brustseite trug, da, wo mein Vater die Narbe hatte, und mir fiel der Kinnladen runter.
Er war dabei! Er war ein Homsarec gewesen und in die normale Gesellschaft zurückgekehrt! Was erzählt er mir da? Gefährlich? Gewalttätig? Er war doch bei bester Gesundheit!
Aber ehe ich noch zu weiteren Schlußfolgerungen kam, fing es zu regnen an. Auf die ersten dicken Tropfen folgte binnen Sekunden ein schwerer Guß. Und ohne nachzudenken, nahm ich den Wink des Mannes wahr: Unters Glasdach! Also sprang ich mit ein paar Schritten zur Terrasse hinauf und erreichte den Wetterschutz, und er folgte mir mit ein paar Sätzen.

 

Ainu

Der andere, den man verschwommen durch die Scheibe sah, sammelte in aller Ruhe sein Werkzeug ein, legte es in eine Kiste und hob die durch ein offenes Fenster oberhalb des Daches. Er selber machte keine Anstalten, das Dach zu verlassen; er drehte nur die Haare zu einem Knoten, schob irgendwas hinein, damit er hielt — ich sah später, daß es ein Inbusschlüssel war — und blieb seelenruhig auf dem Dach sitzen.
»Er mag den Regen«, sagte mein Verfolger.
Er streckte mir die Hand hin. »Ich bin Isatai. Wie heißt du?«
»Iván«, sagte ich ohne Überlegen und schüttelte ihm die Hand. Wie warm die war!
Einen Nachnamen würde ich ihm nicht nennen; er fragte auch gar nicht danach.
»Das da oben ist Ainu«, stellte er mir den anderen vor.
»Hallo, Iván«, sprach’s vom Dach. Ich hätte nicht gedacht, daß er das gehört hatte.
Eine Sekunde lang blitzte ein Gedanke auf: Sie kennen mich! Es ist kein Zufall, daß ich hier bin! Aber ich verwarf das. Wie sollte das möglich sein?
Isatai setzte sich auf einen mit Farbe bekleckerten Gartenstuhl und bot mir einen der Korbsessel an.
Zögernd setzte ich mich. Isatai ließ die Träger seiner Latzhose fallen und zog sein Hemd aus. Sehr ungezwungen! Dann streifte er die Träger wieder auf seine Schultern hinauf. In diesem Moment sah ich auch seine Tätowierung: Sie befand sich an just derselben Stelle wie die Narbe meines Vaters. Es war ein fliegender Vogel, ein Reiher oder sowas. Mein Herz schlug heftig. Aber ich nahm mich zusammen. Ich würde Isatai nicht alle meine Fragen stellen. Es gab Antworten. Ich konnte mich gedulden.

 

Die Villa

Er war recht muskulös; die Hose war ihm zu weit, man sah seine mageren Hüften darin. Ich sah ihn nicht ohne Faszination. Es war die Lockerheit seiner Bewegungen, die ich nur von sehr wenigen Menschen kannte. Er nahm die Schirmkappe ab und löste den Knoten, ihm fielen die Haare über Brust und Rücken. Wache schwarzbraune Augen, ein schmales Gesicht mit ziemlich mächtigem Unterkiefer.
»Durst habe ich«, meldete er, und in den Innenraum hinein rief er: »bring uns Limonade!«
»Ja, o Herr«, kam eine Stimme aus der Tiefe des Raums, und bald darauf erschien ein wunderschönes Mädchen mit nacktem Oberkörper und zurückgekämmten rotbraunen Haaren, die sie in einem Pferdeschwanz trug. Auch auf ihrer Brust sah ich eine Tätowierung. Sie trug eine weiße Schürze, glatt und gestärkt, die ihr bis zu den Knöcheln reichte. Vor Isatai ließ sie sich auf die Knie nieder und reichte ihm ein Glas mit beiden Händen. Dann erhob sie sich wieder und stellte mein Glas mit einer kleinen Verbeugung vor mich hin. Gleich darauf verschwand sie wieder drinnen, von wo es unverschämt gut roch, und ich sah, daß ihr Hinterteil unter der verkreuzt gebundenen Schürze hervorschaute. Diese war also ihr einziges Kleidungsstück. Ich konnte nicht aufhören, hinter ihr herzustarren, beugte mich auch noch etwas zur Seite, um ihr mit dem Blick folgen zu können; dann bemerkte ich, daß Isatai mich fixierte und grinste. »Das ist übrigens meine Frau Tabi«, sagte er.

Vorsichtig wie ich war, hatte ich mich gleich mit dem Rücken zur Straße gesetzt. Die Zeit verging, sicher vermißten sie mich schon.

Isatai machte keinen Versuch, mich ins Haus zu locken.

Es wurde kühler. Ich zog meine Überjacke eng zusammen. Isatai schien dergleichen nicht zu brauchen. Er saß gelöst auf dem Gartenstuhl, inzwischen hatte er auch die Stiefel abgelegt.
Er stand auf. »Zeit, nach drinnen zu gehen«, sagte er, »was ist mit dir?«
»War das eine Einladung?«
»Ja, aber niemand ist gezwungen. Das sagt man uns zwar nach, aber das tun wir nicht.«
»Schade«, entfuhr es mir.
Er lächelte schlau.
»Aha. Man ist bange?«
Ich schwieg. Er streckte die Hand in meine Richtung aus. Ich sah sie einen Moment in der Luft verharren, dann ergriff ich sie.
Mich überlief ein Schauer.
»Kann ich euch trauen?« fragte ich leise.
»Natürlich nicht. Wir sind Homsarecs«, antwortete er sanft.

Weitere Leseprobe