Festungshaft

Das Studio in der Festung

Iváns "Tante" Elena, die seine ganze Kindheit hindurch die gute Nachbarin und Babysitterin war, ist in Wahrheit die Adoptivmutter von Iváns Mutter. In Petschory, wo er sich zum Zweck einer Therapie aufhält, hat er Gelegenheit, sie von einer anderen Seite kennenzulernen.

In der Dämmerung verließ ich das Haus, um mich mit Payuti zu treffen.
Just in diesem Moment kriegte mich Tante Elena am Kanthaken.
»Wohin, junger Mann?«
Autsch.
»Nur mal über’n Hof, Tante.«
»Brauchst du neuerdings Mantel und Pelzmütze, um aufs Klo zu gehen?«
Ihr Ton gefiel mir. Endlich toppte mich wieder jemand. Allerdings gefiel mir nicht, daß meine Pläne durchkreuzt waren. Wenn mir dabei auch nicht ganz wohl war.
»Was willst du denn mit Dima unternehmen?«
»Ich kenne keinen Dima.«

Während dieser Unterredung schleppte sie mich schon am Gürtel zum Haus des Popen. Ich staunte über ihre Kraft.
»Tut mir leid, daß ich mich nicht um dich kümmern konnte. Ich war geschäftlich in Tallinn. Aber eben habe ich gesehen, daß Dima wieder da ist, Dima aus Pskow, nennt sich jetzt Pajuti, wie apart. Der arbeitet für den russischen Geheimdienst, laß bloß die Finger von ihm. Ich wußte nicht, daß er hier ist, hätte ihn sonst schon eher rausgeschmissen.«
»Der russische Geheimdienst hilft doch unserer Regierung nicht...«
»Der hilft allen, die gut zahlen.«
Mein Widerstand erlahmte.

Sie brachte mich nach drinnen und schloß die Tür ab. »Wir sind allein«, sagte sie, »leg’ ab.« Ich setzte mich auf das verschossene Sofa, sie brachte mir Tee.
Ich sah, wie sie im Flur den Mantel auszog, und war nicht sicher, ob ich in der Dämmerung eine helle Bluse sah oder nackte Schultern.
Dann kam sie wieder herein und war in eine Ledercorsage und eine schmale Lederhose gekleidet. Sie hatte eine Figur wie eine Frau von Dreißig. Das Tattoo mit dem Kranich war sichtbar. Sie trug kurze Lederhandschuhe. »Ich hatte noch keine Gelegenheit, mit dir darüber zu sprechen«, sagte sie, »es tut mir leid, was meine Tochter zu dir gesagt hat, sie hatte nicht das Recht, so mit dir zu reden. Schließlich hat sie dich als Zweijährigen verlassen, es war nicht nur Maurices Schuld.«

Ich starrte sie entgeistert an. Sie lachte.
»So kennst du mich nicht, was? Ja, Gott, ich bin doch erst Sechzig, ich will noch was vom Leben haben.«
Sie zog die Handschuhe aus und legte sie auf den Tisch.

»Mein Studio ist in Tallinn. Ich werde nicht mit dir spielen, es käme mir vor wie Inzest, du bist quasi mein Enkel. Aber ich habe da wen für dich. Überlass es mir, es Rangus zu sagen, die wird das schon verstehen.«
»Muß ich ihr nicht treu sein?« fragte ich mit trockenem Hals, denn ich konnte nicht fassen, was ich sah und hörte.
»Ich bringe es ihr schon bei«, gab sie zurück, »aber du brauchst es, ich sehe das. Und wenn ich dich unter die Fittiche nehme, ist es kein Fremdgehen.«
Keine Stunde später fuhren wir.

 

Die ehrwürdigen Kellergewölbe unter der Mauerstraße waren Teil der Befestigung, die der Deutsche Ritterorden hatte errichten lassen, als sie diese Länder zum Christentum bekehrten. Offenbar ein Gewaltakt. Wofür hätten sie sonst meterdicke Mauern gebraucht?
Diese Räume waren düster, wenn dort nicht Fackeln brannten, sie waren kalt, wenn nicht die Gasöfen leise zischten, und sie wären unwirtlich gewesen ohne die Herrin Saatus, wie meine Tante Elena sich nannte. Sie übergab mich, nachdem sie mich mit einem Taxi vom Bahnhof hierher gebracht hatte, der grausamen Hand von Herrin Oda.

Rangus kam mir zartfühlend vor im Vergleich mit Oda. Die zerrte mich an der Leine auf allen Vieren über den rauhen Stein, daß mir die Knie bluteten. Sie schlug gleich los, machte sich nicht viel Gedanken übers Warmwerden. Das würde ich schon werden, darauf schien sie zu vertrauen. Das Sicherheitswort hieß »abi«, ich wollte es sehr bald gebrauchen, weil sie mir gar zu hart vorzugehen schien, aber es fiel mir schon nicht mehr ein. Ich wußte es gleich danach wieder, aber nun ging es mir so gut, daß ich kein Interesse hatte, es zu gebrauchen.
Ich schaffte es über die Schwelle vom reinen, bösen Schmerz in die Lust, indem ich mir vorstellte, meine Herrin hätte mich ausgeliehen und ich müsse dies für sie ertragen.

Gerade als ich anfing, ein bißchen zu surfen und es immer besser wegzustecken, unterbrach Oda. Sie machte mich los, nahm mir die Augenbinde ab, ließ mich auf den Steinen neben einem alten Schreibsekretär knien, setzte sich in den Sessel, steckte sich eine Zigarette an, und wie der Teufel es wollte: Es war Kara Keyif. Sie sprach Russisch mit mir, es war nicht ganz leicht mitzukommen, aber sie erklärte, was ich nicht verstand, und ließ mich mit Gesten nachhelfen. Sie wollte wissen, was meine »Njeti« waren, die Dinge, sie mit mir nicht tun konnte.
»Kara Keyif rauchen«, sagte ich.
Sie lachte und blies mir den Rauch ins Gesicht. Ich hätte kotzen können. Es kam mir schon so vor, als ob sie meine Tabus abfragte, um sie dann pünktlich abzuarbeiten.

»Ich habe ein paar Schreibarbeiten zu erledigen«, sagte sie, nachdem sie mein Gestammel in Notizen umgesetzt hatte. »Es ist doch zu dunkel hier«, spielte sie Ärger, »ich brauche einen Kandelaber.« Sie kettete mich an die Ringe in der Wand und gab mir in jede Hand eine Kerze. Dann bekam ich wieder die Augenbinde. Ich mußte die Kerzen schön hoch halten, über meinen Schultern, damit mußte ich meine Hände unnatürlich verdrehen.

Es dauerte nicht lange, bis ich sie schief hielt und das heiße Wachs auf meinen Körper kleckerte. Alles, was ich tun konnte, war, sie schön hoch halten und mir einen erträglichen Punkt aussuchen, wohin die Tropfen fallen konnten. Natürlich konnte ich nicht sehen, ob ich sie grade hielt, und konnte das Tropfen überhaupt nicht vermeiden. Es gefiel mir vor allem, wenn ich sie ein bißchen nach hinten kippte, so daß das Wachs auf meinen Hintern kleckste. Aber schon traf mich eine gemeine dünne Peitsche auf die Vorderseite der Oberschenkel und schlang sich mit hundsgemeinem Biß auf die Rückseite: »Gradehalten, zum Teufel!«

So brannten sie runter. Und die Wachstropfen trafen mich hauptsächlich auf die Schultern, wo sie noch ziemlich heiß ankamen. Die Ketten verhinderten, daß ich die Hände tiefer hielt, die niedrige Gewölbedecke, daß ich sie höher hielt. Schließlich bekam ich einen Krampf und ließ sie fallen.

Aus diesem Gewölbe drang kein Jammern hinaus, sagte sie. Sie löste die Ketten und machte mich an einem anderen, niedrigeren Ring fest, der direkt neben dem Schreibtisch in die Wand eingelassen war. Die Augenbinde kam wieder. Dann lag ich auf dem Schreibtisch, und sie drosch mit einer Geißel auf mich ein. Alles wurde so leicht und schön. Ich keuchte meinen Dank.

Sie wechselte zum Rohrstock, zur Hundepeitsche. Sie hätte noch zu arbeiten, und ich solle ihr leuchten, sagte sie. Ich kam auf dem Rücken zu liegen, die Beine angezogen, die Handgelenke an die Fußgelenke gekettet, und zwischen die Knie klemmte sie mir eine Kerze. Die stand ein wenig schräg und drohte, auf meinen harten Schwanz zu kleckern. Ich lag still und wartete auf den ersten Wachstropfen.

Band 2, "Der Doge und sein Sklave"; Leseproben