In Sicherheit?

Nach einem Gelage und etwas Erotik macht Iván eine Beobachtung in der Villa der Homsarecs, die nicht für seine Augen bestimmt ist. Sie sind doch nicht so nett und harmlos! Sie fesseln und schlagen eine junge Frau, die doch gerade erst die Geliebte von Isatai geworden ist! In Panik flüchtet er aus dem gastlichen Haus.

Aufgegriffen

Iván Potozki

Noch einmal warf ich einen Blick zurück, um zu sehen, ob mir jemand folgte. Da sah ich das bläuliche Licht über dieser weißen Villa, erkannte schwach eine weibliche Gestalt, und mich erfaßte heiße und kalte Angst, sie haben sie getötet, da entweicht ihre Seele.
Also weg hier, barfuß im Laufschritt, weg aus dieser Straße, nur nicht in Glas oder Hundemist treten, dann erst Stiefel angezogen; weg aus diesem Stadtteil, in dem es noch mehr solche Straßen gibt, hin zu den beruhigend quadratischen Fenstern meiner Wohnsiedlung.
Und schon hat mich die Sicherheit.

Wohin zu so später Stunde?
„Nach Hause. Ich bin den Homsarecs entkommen.“
„Ach, was. Und was wolltest du bei denen?“
„Sie haben mich reingelockt.“
Und da saß ich dann in der Wachstube.

Der Raum war in Neonlicht getaucht, ich mußte erstmal blinzeln, meine Augen waren noch an das Dunkel gewöhnt.
Es gab eine Art Tresen, dahinter ein paar Schreibtische mit Monitoren und Tastaturen. Ich wartete auf einer harten Holzbank unter einem Plakat, auf dem lauter Menschen meines Alters abgebildet waren; es waren Suchanzeigen. Vermißt, seit wann, von wem wann und wo zuletzt gesehen. Vermutlich von den Homsarecs gekidnappt, ins Haus gelockt, in andere Städte verschoben, spurlos verschwunden, nichts mehr von ihnen zu hören. Ja, ich wußte jetzt, wie sie es machen. Anscheinend nicht mit Gewalt. Sie machen dich erst handzahm, und wenn du ihnen vertraust...
Offenbar hatte gerade niemand Zeit, ein Protokoll aufzunehmen. Ich glitt lautlos von der Bank und ging an die Tür.
Auch die ließ sich von innen nicht öffnen. Schon wieder eingesperrt. Hallo! Ich bin freiwillig hier! Ich bin euren Feinden weggelaufen! Aber dann fiel mir ein, daß mich die Wachstreife ja aufgegabelt hatte. Also setzte ich mich mit verschränkten Armen hin und versuchte, noch ein wenig zu schlafen.

Mit übertriebenem Gepolter, wie mir schien, kam ein Beamter in den Raum, schaltete einen Monitor ein und wandte sich mir zu. Ich öffnete die Augen.
„Komm hierher.“
Ich stand auf und trat an den Tresen. Er klappte einen Teil der Abdeckung hoch, der einen Durchgang verdeckte, und ließ mich ein; er setzte sich vor die Tastatur und ordnete an, ich solle mich vor den Schreibtisch setzen. Das tat ich.
„Personalien?“
„Iván Potozki, geboren 3. 11. 1992 in Neuruppin, Schüler im letzten Schuljahr, ledig, Eltern: Maurice und Alida Potozki, wohnhaft in Weimar, Löwenzahnstraße 14.“
„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, murmelte er.
Seinen Namen erfuhr ich nicht, sondern nur, daß er mit „Herr Leutnant“ anzureden war.
„Hört mal“, sagte ich, „ihr müßt dorthin fahren und das Opfer befreien, sie foltern sie gerade jetzt, ich habe das vor einer Viertelstunde gesehen, hier drin habe ich kostbare Zeit verloren, wer weiß, was sie mit ihr machen werden!“
Er griff mit schneckenhaften Bewegungen zum Telefon, wählte eine Nummer, stellte fest, daß in der Einsatzabteilung keiner mehr Bereitschaft hatte — um diese Zeit!
„Kann ich denn dann mal zu Hause anrufen?“
„Jetzt nicht. Verdunkelungsgefahr. Wir machen Meldung an die Hausverwaltung.“
Na, besten Dank, ausgerechnet die hätte ich gern herausgehalten.
„Du mußt sowieso noch zum Arzt.“
„Wieso?“
„Du bist in einem ihrer Häuser gewesen, wir müssen dich auf Drogen und Geschlechtsverkehr untersuchen. Vorschrift.“
Damit war ich doch in der Maschinerie.
Und dann war da die Arztstube, der Diensthabende war auch nicht so begeistert, daß er um halb drei noch arbeiten mußte. Aber er befaßte sich den Vorschriften entsprechend genau mit mir, wollte von jedem blauen Fleck wissen, woher er stammte.
Der Leutnant nahm das Protokoll auf, so war ich bei der Untersuchung noch nicht mal mit dem Arzt allein.
Ich mußte meine Mütze abnehmen.
„Ach, siehste!“ schrie der Leutnant triumphierend, „haben wir es nicht gesagt! Die mit langen Haaren haben sie auf dem Kieker! Wenn du morgen aus der Schule kommst, geht es sofort zum Haareschneiden, und danach ist Hausarrest.“ —
Hausarrest?? —
Er schaute sich meine Augen aus nächster Nähe an und zog mit einem Finger das Augenlid hoch, dann das untere herab.
„Augenschminke“, stellte er in einem ‘wußte-ich’s-doch’-Tonfall fest.
Ein weiterer Beweis meiner Mittäterschaft.

Die Intimität und Zudringlichkeit dieser Untersuchung stellte alles in den Schatten, was ich bei den Homsarecs erlebt hatte. Nicht allein, daß er Abstriche von meinem Glied nahm; meine Behauptung, ich hätte keinen Verkehr gehabt, widerlegte er sofort. So gut kann man gar nicht duschen, daß nicht noch was bleibt, was die finden.
„Mit Mann oder Frau?“
„Gar nicht.“
„Potozki, das kannst du dir sparen, das wissen wir schon. Also?“
„Frau.“
„Sieh vorsichtshalber noch hinten nach.“
„Danke, hätte ich sowieso.“

Und dann mußte ich mich auf so einen Stuhl setzen, er fummelte mir auch noch im Hintern herum. Ich barst fast vor Scham. Und einige seiner Berührungen kamen mir durchaus überflüssig vor und so, als hätte er Vergnügen daran.
„Ihr könnt das lassen, mich hat keiner gefickt“, sagte ich wütend.
Aber natürlich war es Vorschrift.
Dann nahm er mir Blut ab.
„Wir müssen dich auch auf Drogen untersuchen.“
„Habe ich nicht gekriegt“, knurrte ich.
„Das weißt du doch nicht“, entgegnete der Leutnant, „hast du bei ihnen gegessen oder getrunken? Ich kann’s jedenfalls riechen, es war Alkohol dabei. Und ihre Gewürze rieche ich auch, also.“
Immerhin 0,3 Promille stellten sie noch fest. Und Somnambulin in der ‘zu erwartenden’ Konzentration. Wie war das denn in mich reingekommen?
Durch die Atemluft, erfuhr ich. Sie atmen es aus, die Luft in ihrer Nähe ist voll damit und führt zu Schläfrigkeit und Entspanntheit.
Ich mußte ihnen leider rechtgeben, so hatte ich es empfunden.
Also erzählte ich ihnen genau, was es zu essen gegeben hatte, vom Wein, davon, daß ich dort geschlafen hatte, aufgewacht, geflüchtet war.
„Und was ist mit der Folterung?“
Ich berichtete von meiner Beobachtung.
„Ist denn schon jemand dorthin unterwegs? Vielleicht töten sie sie! Oder haben es schon getan!“
Der Leutnant begann zu poltern. „Sag uns nur nicht, wie wir unsere Arbeit zu tun haben, das geht dich überhaupt nichts an. Wir wissen schon, was unsere Aufgabe ist!“
Unnötigerweise ließen sie mich die ganze Zeit in dieser würdelosen Position liegen, während sie mich weiter befragten. Endlich durfte ich runtersteigen und mich anziehen.
„Morgen früh gehst du erstmal zum Vereinsobmann und redest mit ihm. Der wird schon deine Zweifel beseitigen, in welche der beiden Gesellschaften du gehörst.“
Da muß er sich aber anstrengen.

Und als er nach hinten gegangen war, hörte ich ihn im Flur fragen: „Wer hat Zeit, den Bürger Potozki Junior nach Hause zu bringen?“
Aha, das war ich. Der mißratene Sohn des Volksfeindes.
Ich warf mich schweigend auf den Rücksitz und betrachtete die Augen des Fahrers im Rückspiegel. Immer wieder wanderten sie auch zu mir herüber. Und die schienen das überhaupt nicht ernst zu nehmen, was in der Villa geschah. Ich machte noch einen Versuch, sie zur Erfüllung ihrer Pflichten anzuregen.
„Die haben ein Mädchen, sie schlagen sie, vielleicht töten sie sie, wollt ihr denn nicht eingreifen, Mitbürger? Wo fahrt ihr denn hin? Sie sind in der Tischbeinstraße! Genau die andere Richtung!“
Der Polizist auf dem Beifahrersitz drehte sich halb zu mir um.
„Wir wissen, was wir zu tun haben.“
„Aber wenn sie nun wirklich in Gefahr ist...“
„Wir schicken Kollegen hin, sei beruhigt.“
Der andere, der den Wagen fuhr, wurde neugierig.
„Wieso, was machen sie denn mit dem Mädel?“
„Braten sie sie am Spieß?“ frozzelte der andere.
Sie lachten.
Das ärgerte mich. Für mich war noch nicht klar, daß es harmlos war, was sich im Keller der Villa abspielte.
„Ja, zum Totlachen“, grollte ich, „sie haben sie gefesselt, ihr die Augen verbunden und sie geschlagen.“
Noch immer nahm es keiner ernst.
„Und? Ist sie nackt? Erzähl mal. Schöne Möpse?“
Es hatte keinen Sinn. Ich schwieg.
„Die sind doch selber schuld, wenn sie dahin rennen“, urteilte der Beifahrer.
Dann wandte er sich wieder an mich. „Und was ist mit dir? Was hattest du da zu suchen?“
Ich schwieg und starrte aus dem Fenster.

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