Trennungsschmerz

Iván ist nach einer Zeit bei den Homsarecs von der Geheimpolizei zurückentführt worden und man hat versucht, ihn einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Er ist in der Haft gefoltert und mit Medikamenten behandelt worden; dann wurde er entlassen, man sei "zufrieden", und er weiß nicht, warum. Seine Freunde, die Homsarecs, lehnen es ab, ihn wieder bei sich aufzunehmen.

Sehnsucht auf beiden Seiten

Ich lungerte wieder eine Weile in Sichtweite des Hauses herum, versuchte zu erkennen, wer da war und wer nicht.
Der Frühling wurde spürbar. Im Oberstock war ein Fenster geöffnet. Ich hoffte so sehr, daß sie mich sehen würden. Daß sie kommen und wenigstens mit mir reden würden. Und wenn dabei auch herauskäme, daß ich nicht zu ihnen hineinkönnte, ich hätte wenigstens mit einem von ihnen gesprochen, ihre Wärme gespürt und das Feuer in ihren Augen gesehen.

Meine Sehnsucht, zu ihnen zurückzukehren, wurde unerträglich. Ich rebellierte nachts unter Tränen gegen ihr Verbot. Wie konnten sie mich so im Stich lassen! Wieder gelang es mir, auf dem Schwarzmarkt ein Radio zu organisieren, ich baute es nicht selbst, ich hatte keine Zeit, es ging auf die Abschlußprüfung zu. Es gab doch dies und das, was ich noch lernen mußte, eigentlich mußte ich mir eher die gewünschte Lesart einprägen, die Fakten kannte ich. Kannte ich anders.
In diesem Radio hörte ich dann, daß sie mir gewogen waren, sie grüßten mich, sprachen mir Mut zu, verwünschten die Trennung, berichteten noch einmal über den Fall des entführten und psychiatrisch behandelten Sklaven mit Namen Innuit. Dieser war im Norden unserer Republik von den Rotten gekidnappt worden, als er den Müll rausbrachte, sie hatten ihn so schnell in ein Auto gezerrt, daß nichts zu machen war. Er war dann einer ähnlichen Behandlung unterzogen worden wie ich. Dann entließen sie ihn, und er kehrte in seine Homsarec-Familie zurück. Dort hatte er sich bestens wieder eingefügt, aber eines Tages, als er allein im Haus war, hatte er es abgefackelt; sie fanden ihn im Garten, an einem Apfelbaum aufgeknüpft. Manche glaubten an einen Übergriff durch die Rotten, aber das war widerlegt durch seinen Abschiedsbrief, den er eigenhändig seinem Meister übergeben hatte mit der Bitte, ihn erst an seinem Geburtstag zu öffnen. Der hielt sich dran, weil er ihm vertraute. Doch stand in diesem Brief eine Warnung, er glaubte, einen Auftrag zu haben, den er selbst nicht wisse, und sollte es dazu kommen, daß er ihn ausführte, so würde er selbst seinem Leben ein Ende setzen. Das Haus war bis unters Dach voll mit kostbaren Büchern, kaum etwas davon entging dem Brand.
Sie seien wie Schlafwandler, hieß es.
Nur ihre Ärzte konnten mir helfen. Und dafür würde ich ihnen zu schaden versuchen, das war mir klar. Ich träumte von Kämpfen gegen die Homsarecs, spürte so einen Haß, der mir bisher immer fremd gewesen war; und ich konnte sie nur vor mir schützen, indem ich ihnen fernblieb. Es zerriß mich beinahe.

 

Nachts auf dem Schrottplatz

Im Schutz der Dunkelheit traf ich mich wieder mit Rosa. Die erfreute mich. Sie hatte Karabinerhaken organisiert, mit denen sie mich am Gitter mit ausgebreiteten Armen festmachte, und nun kamen die schönen Früchte meiner Erziehung zutage. Sie war gelehrig, sie hatte sich alles gemerkt, was ich ihr erklärt hatte; sie steigerte den Schlag langsam, vergewisserte sich meines Wohlbefindens, wärmte mir den Rücken mit einer dünnen Rute, die nur in die Haut kniff, sie traf nur selten daneben und wenn, dann war es nicht schlimm. Es war also klar, daß für meine Bedürfnisse ebenso gesorgt sein würde wie für Langeweile, denn sie war berechenbar. Einen Abflug schenkte mir das nicht, aber es stillte den ersten Hunger.
Die Tatsache, daß wir ein Paar waren, schadete mir nicht, allenfalls ihr, denn mein Ruf war bekanntlich schlecht, und mir schob man nun vieles in die Schuhe, was sie schon vorher entdeckt hatte.
Sie wurde immer besser, aber ich flog nicht.
Es war quälend. Es war so,als dürfe man sich Delikatessen nur durch ein Schaufenster ansehen. Ich ahnte auch, woran das lag. Ich war immer noch nicht entgiftet.
Meine hektischen Aktivitäten dienten dazu, das zu überspielen. Ich fühlte mich überhaupt nicht gut. Die Mißhandlungen gingen mir nach, ich fürchtete mich davor, in Schlaf zu kommen, litt unter vielen Beschwerden, die ich früher nicht gekannt hatte, unter Magenschmerzen, Schwäche, Übelkeit. Mein Besuch beim Arzt brachte natürlich gar nichts, ein leichtes Beruhigungsmittel, das er mir verschrieb, half mir, schneller einzuschlafen, und umso eher waren diese Träume wieder da. Ich war schreckhaft und kapselte mich ab. Mit Alida und Marina lebte ich wie mit Fremden: Aneinander vorbei. Sie fragten mich nicht. Es hätte ihren Glauben an das System erschüttert, wenn sie mehr über meine Zeit in der Haft erfahren hätten.
Ich war auch nicht daran interessiert, es ihnen aufzudrängen. Es war mir egal, an was sie glaubten, und ich wollte mit ihnen auch nicht über die Homsarecs diskutieren, was sich ja zwangsläufig daraus ergeben hätte.

Es war Isatai, der mich auf der Straße stehen sah und der zu mir kam. Er bewegte sich vorsichtig, er traute mir nicht, ich zog die Hände langsam aus den Jackentaschen und ließ sie hängen, daß er sah: Ich war unbewaffnet. »Bist du gesund?« fragte er mich. Es war eine übliche Floskel, und man antwortete standardmäßig mit »ja« und ging dann zu anderen Themen über, aber ich sagte: »Nein. Ich bin nicht gesund, und nur ihr könnt mich heilen.« Und dann stand ich da, den Blick mal gesenkt, mal zu seinen Augen wandernd.
Er schwieg lange. Es fiel ihm sichtlich schwer. Auch meinen Anblick mußte er erst einmal verdauen.
»Du weißt, was mit Innuit passiert ist?«
Ich nickte. »Habe ich gehört.«
»Wir können euch nicht mehr trauen, wenn ihr in den Händen dieser Leute gewesen seid! Sie geben euch einen Auftrag, den ihr selber nicht wißt. Es tut mir so unendlich leid, du weißt, ich liebe dich. Aber wir können es nicht tun! Je größer die Liebe, umso größer die Gefahr.«
»Ich halte es nicht aus!«
»Wir auch nicht.«
Er drückte meinen Kopf an seine Wange und weinte. Dann schickte er mich fort. »Geh nun«, konnte er nur flüstern.

Mir blieb nichts übrig, als zu gehen. Und wenn ich gedacht hatte, daß dies meinen Schmerz lindern werde, so hatte ich mich getäuscht, nach dieser Begegnung war es noch schlimmer.

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