Isegrim als Gast

Lelo/Isegrim als Gast der Wilden

Pratizaye

Eine Kshatrini, Kriegerin

Überraschend bekommt Lelo/Isegrim die Chance, nach den letzten Kannibalen in der Hohen Tatra suchen zu helfen. Der Doge sendet eine Expedition mit Isegrim und Ivan, begleitet von Kriegern, Amazonen und Kshatrinis*.
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20. OKTOBER
Sowas Ähnliches wie ‚schiefgelaufen‘. Wenig Platz im Notizbuch. Kurz fassen.
Doge hat beschlossen und gefaxt, wir sollen nicht allein hingehen. Strategie ausgearbeitet.
Amazonen auf kurzem Erkundungsgang, Iván & ich ein wenig ums Hotel spaziert. Sahen einen jungen Mann aus dem Personalausgang des Hotels kommen. Einer von uns! Wir wollten mit ihm reden. Gingen bis zum Wald hinter ihm her.
Plötzlich Hand auf dem Mund. Iván: wird angepustet, außer Gefecht.
Ich: Kurzer Kampf einer gegen Vier, Fesseln, Augenbinde, Haare gepackt, verschleppt. Wachen kommen gerannt, wir werden schnell weggetragen.
Hinter mir Stimmen der Kshatrinis: „Nicht schießen, ihr trefft unsere!“ Höhnische Antwort: „Das waren eure, jetzt sind es unsere!“
Jetzt allein mit Iván in Kammer. Hölzerne Fensterläden, von außen blockiert.
Kleiner Ofen, „für den Cro“. Kleine Lampe mit Batterie. Kein Strom hier oben.
Nach etwa einer Stunde werden uns Fesseln abgenommen, man führt uns die Treppe runter. Art Halle. Vollversammlung, um 20 Leute.
Wenige Frauen, sahen alle nach Cro aus. Anführer als Perkele erkannt. Ließ uns beide ausziehen und schaute die Tattoos an. Feste, fast schmerzhafte Griffe. Hat uns gefaßt und gewendet wie Bratenfleisch. Wenn sie nun doch töten, um zu essen? Ich hab Angst.
Befragung durch Perkele. Warum wir hier seien? Also Legende erzählt. Bei jedem Satz zieht er mir eins mit einem harten Riemen über. „Lüg nicht!“ Bin durchschaut. Iván schweigt, das habe ich ihm geraten, gesagt, laß mich reden.
Perkele hat mich erkannt. Erinnert sich an Party in Sukent. Freut sich, mich zu sehen. Freude ganz auf seiner Seite. Läßt Iván in anderen Raum bringen. Ich protestiere.
Haus ist sicher von Kshatrinis umstellt, aber kein Zugriff möglich. Außer uns noch Frauen aus Dorf im Haus.

 

Perkele

Der Anführer der letzten Kannibalen

Die Entführten werden durch einen Kellerausgang in den Wald geführt und in ein anderes Haus gebracht. Der Anführer gibt Lelo ein Schulheft, damit er ausführlich Tagebuch schreiben kann.

Es ist ein sehr altes Holzhaus, in dem wir uns nun auf eine der Bänke setzen dürfen, die rund um den Raum an der Wand entlanglaufen. Es gibt einen Ofen mit hölzernen Stangen rundum, auf denen ein paar Tücher trocknen. Auf dem Ofen kann man wahrscheinlich schlafen. Es ist warm.
Auch hier sind Cro-Frauen. Sie begrüßen andere Krieger mit leidenschaftlichen Küssen. Es gibt auch zwei Kinder, offensichtlich wilde Kinder, lustig, temperamentvoll, und sprechen fließend Lingo, wir können uns ohne Probleme unterhalten. Ihre Haare sind lang und in Zöpfe geflochten. Das größere ist schon im Zahnwechsel. Es schaut uns interessiert an und sagt dann: „Mein Papa hat euch zum Essen eingeladen, nicht?“
Ich nicke. Will mich nicht groß mit dem Balg unterhalten. „Es gibt Unfall“, setzt der Kleine noch hinzu. Iván versteht das nicht. Muß er auch nicht.
Wir bekommen sogleich Tee und eine Suppe. Es ist Fleisch drin.
„Von welchem Tier?“ fragt Iván.
Perkele schaut uns mit funkelnden Augen an. „Eßt! Das ist heilig! Los, fangt an!“
Heilig. Das macht es klar. Schwein ist das nicht. Iván zaudert.
„Wir müssen!“ flüstere ich ihm zu.
Hinterher bekommen wir noch Brot und Schmalz. Hungern müssen wir nicht.
Dann zeigt er uns ein kleines Zimmer mit winzigem Fenster. Darin steht ein breites Bett, uralt, mit sichtlich selbstgemachten Decken. Ich nehme Iván in den Arm, als wir unter der Decke liegen. Kalt ist uns nicht. Wird sogar immer wärmer. Wir sollen uns ausruhen, bis es richtig Nacht wird, dann reisen wir weiter, sagt unser Entführer. Keine Minute geschlafen.

Iván war ähnlich zurechtgemacht wie ich. Es mochten wohl zwölf bis fünfzehn Personen versammelt sein. Perkele schob mich vor sich her und sagte: „Wir haben Gäste. Ich freue mich sehr. Sie heißen Quanah und Isegrim. Begrüßt sie bitte.“
Die Versammelten stießen einstimmig das aus, was wir als ‚Kriegsschrei‘ bezeichnen, dieses schrille ‚Hoohoo-yah-yah-yaaa‘.
Ich erschrak fast, denn in meiner Erinnerung verband es sich unauslöschlich mit der Nacht, als ich einen Sieg errang und damit meine Welt zerstörte. Ich habe seitdem nicht mehr ohne Tränen daran denken können, und das war meine spontane Reaktion. Meine Tränen zogen sofort eine weiße Spur durch meine schöne Bemalung.
Perkele schimpfte ein wenig mit mir. Das müsse er mir noch abgewöhnen, beim Kriegsschrei zu heulen. Er reparierte meine Bemalung und verbot mir streng zu weinen.
Und dann waren wir gezwungen zu essen. Es gab kluge Pastete vorweg.
Iván weigerte sich, Perkele zog einen Stock, einen heftigen dicken Haselstock, wie mir schien, und schlug ihn böse auf Hintern und Schenkel. „Ihr eßt!“ fauchte er. Ich gab nach, solche Schläge hätte ich trotz der Spielerfahrung mit Purix nicht so leicht weggesteckt. Die Kinder schauten wissend drein, sie kannten das wohl, daß es Strafen gab, wenn man am Essen mäkelte. War doch klar, daß Gäste, die es ebenso machten, dann auch übers Knie gelegt wurden.
Wir aßen. Und es schmeckte wunderbar. Wir waren ja auch sehr hungrig, denn seit der letzten Mahlzeit war schon wieder ein halber Tag vergangen, wie mir schien. Ich sah nirgends eine Uhr, ich konnte mich nur an der Helligkeit orientieren.
Es gab dann Fleisch, auch wieder sehr schmackhaft, es schien mir zum Besten zu gehören, das ich je gegessen hatte, und alle aßen schweigend, wie es der Respekt gebietet. Iván und ich tauschten Blicke, wir sahen wohl beide etwas verzweifelt aus.
Die Kinder wurden nun ins Bett gebracht. Proteste wurden ignoriert.
Hinterher wurden Papavers** geraucht.
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*nepalesische Kriegerinnen, die die Amazonengarde des Dogen verstärken.
** Roh-Opium

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