Hemyarik

Hemyarik wird bestraft

Als Hemyarik seine schwere Verletzung gerade so überwunden hatte, die er sich selber zugefügt, mußte er den Dogen, den er durch den Versuch seiner Machtergreifung schwer gekränkt hatte, um Vergebung anflehen. Er hätte sonst unter der Anklage des Hochverrats gestanden. Denn er hatte seine Anhänger, die Bekar, verleitet, sich vom König loszusagen und ihn als Gegenkönig zu feiern. Und das hatte zur Folge, daß seine Anhänger die Stimme des Königs/der Königin nicht mehr hörten. Die tragische Folge: Kelao und seine Freunde waren nicht gewarnt worden und wurden von einem Kommando der Rotten in ihrem eigenen Haus niedergeschossen.
Damit war auch die Legende von den Homsarecs, die man nicht töten kann, eines raschen Todes gestorben. Sich dem Dogen zu unterwerfen und seine Strafe zu erbitten war somit die einzige Chance, dem Gefängnis zu entgehen.


Im großen Saal des Dogenpalastes, vor allen Mitgliedern des Parlaments, Senatoren und Abgeordneten, rechts und links vom Mittelgang in Reihen postiert, mußte Hemyarik in einer grauen Tunika der Büßer zum Thron des Dogen schreiten. Vor diesem mußte er die Tunika ablegen und stand im grauen Lendentuch da.

Dann mußte er sich dreimal vor dem Dogen bis auf die Marmorplatten des Fußbodens niederwerfen und sein Schuldbekenntnis sprechen, angefeuert von Rufen aus den Reihen der Abgeordneten wie: „Lauter! Wir hören dich nicht!“ Er sprach die dreimalige Bitte um Vergebung, die eine fünfmalige wurde, bis es allen hinreichend laut und deutlich erschien.
Der Doge ließ ihn näherkommen. Hemyarik glaubte schon, nun würde ihm vergeben werden. Aber nein. Das Protokoll verlangte, daß er sich vor den Thron kniete, mit dem Rücken zum Dogen, und die Stirn auf die Bodenplatten senkte. Dem Herrscher wurde ein Stock gereicht, und der Tradition nach hatte er jetzt alle Freiheiten, den Sünder nach Belieben zu bestrafen, so lange und so schwer er wollte, denn als der Beleidigte konnte er sich so Satisfaktion verschaffen.

 

"Ich bin einfach ein Mann wie du"

Tanguta

Doge von Sukent

Aber der Doge zögerte.
„Was verdient er?“ war die Frage, die er an die versammelten Noblen richtete. Es gab Vorschläge, die merklich der Schaulust entsprangen. Aber wir kennen ja Tangutas Meinung. „Dieser junge Mann“, sagte er, ohne ihn aus seiner peinlichen Lage zu erlösen, „hat sich Macht angemaßt und mit ihr gespielt. Er verachtet die Frauen“ — Tanguta suchte die Blicke der Amazonen —, aber er wollte niemandem etwas Böses tun. Er hat sich arrogant und lästerlich verhalten. Er ließ sich ‚König‘ nennen, was die meisten von uns für Blasphemie halten. Hemyarik! Ich sehe öffentliche Strafen kritisch, aber das Votum des Parlaments entscheidet.“
Er erhob sich von seinem Platz und ging zu dem Pult, an dem Anträge zu Abstimmungen eingebracht wurden.
„Wer will, daß ich den Delinquenten öffentlich bestrafe, der möge durch die rechte Tür hinausgehen. Wer will, daß dies nicht öffentlich geschieht, der möge durch die linke Tür hinausgehen. Die Amazonen an den Türen haben Order, euch zu zählen und danach wieder in den Saal zu lassen. Der Einlass wird gewährt, wenn die Auszählung ohne Zweifel abgeschlossen sein wird.“
Die beiden Türen führten auf zwei getrennte Höfe, was klug und weise war, um die feindlichen Parteien nicht aufeinandertreffen zu lassen.
Und während Hemyarik weiter auf den Steinfliesen kniete, winkte der Doge Salix zu sich und sagte ihr etwas ins Ohr.
Die Abgeordneten rafften ihre Brokatroben und schritten durch die jeweils gewählte Tür. Dann durften zuerst die Gegner der öffentlichen Strafe wieder hereinkommen. Sie waren in der Minderheit, aber knapp.
Hemyarik hatte jetzt kalte Hände und Knie. Er zitterte.
Nun passierte etwas Überraschendes. Die Amazonen, von Salix befehligt, schlossen die Türen hinter den Gegnern der öffentlichen Strafen, ließen aber die Tür für die Befürworter geschlossen, und die Majorität der Noblen wartete weiter auf dem Hof in dem Glauben, die Auszählung sei noch nicht fertig, sondern gestalte sich kompliziert. Im Saal waren außer den Gegnern der Bestrafung noch die Wachen und ein Teil der Amazonen, einige andere verhinderten von außen, daß die Türen geöffnet wurden.
„Wie ihr seht“, sagte der Doge, und seine Stimme klang anders im halbleeren Saal, „bin ich überstimmt. Die Strafe muß öffentlich stattfinden. Allerdings ist nirgends die Rede davon, daß jeder Zutritt haben kann. Durch die Anwesenheit der Presse ist dem Gesetz Genüge getan. Hemyarik, Achtung, es geht los.“
Der Doge stand auf und legte Robe und Kappe auf den Thron. Nackt wie sein Delinquent und ohne Zeichen der Herrschaft — selbst den Siegelring zog er ab und gab ihn dem ducalen Schreiber zur Aufbewahrung — nahm Tanguta den Stock. „Hemyarik, schau mich an“, sagte er leise, „ich bin einfach ein Mann wie du.“
Und dann nahm er Maß und schlug ihn kurz und heftig. Ging um ihn herum und nahm wieder Maß. Er ließ ihn die Schläge zählen, es waren zehn, er ließ ihn dafür danken und erinnerte ihn an sein Gelübde des künftigen Gehorsams.

Der Doge legte den Stock weg und ließ sich die Robe wieder überstreifen, setzte die Kappe auf, ließ das Protokoll fertigschreiben inklusive Erfassung dieser Bestrafung, siegelte es, ließ sich von Hemyarik die Hand und den Siegelring küssen und ihn durch den Hinterausgang fortbringen, geleitet von zwei Amazonen, die ihn in der Camera dei Vestimenti in ein dunkelblaues Lendentuch mit dem geflügelten Löwen kleideten, so daß ihn jeder für einen Staatssklaven halten mußte, der in einem Auftrag des Herrn unterwegs war, als er über die Hintertreppe den Dogenpalast verließ. Die Amazonen ließen ihn ohne Aufsehens passieren, und er tauchte in der Menge unter.

Nun ließ der Doge die empörte Versammlung der Abgeordneten und Senatoren wieder eintreten, die Platz nahmen und neugierig nach dem Delinquenten Ausschau hielten, nach diesem hübschen Kerlchen, das nun gewiß gleich unter schwersten Hieben die lieblichsten Tränen würde vergießen müssen. Die Verzögerung hatte sie in Ungeduld versetzt. Die Majorität war offensichtlich: Die Strafe mußte vor ihnen vollzogen werden.
„Dem Gesetz ward Genüge getan“, sprach der Doge und ließ den Protokollführer vortreten. Dieser verlas das Protokoll der Bestrafung. Es endete: „Der Delinquent wurde eingekleidet und entlassen.“
Ein Gemurmel erhob sich; einige der Abgeordneten wollten lautstark protestieren, gestanden sich aber dann schamvoll ein, daß sie nicht nur über das entgangene Schauspiel enttäuscht waren, nein, auch der Anblick des nackten Dogen war ihnen leider vorenthalten geblieben. Tanguta ließ die Presse noch einmal zu sich kommen, und sie mußten ihre Digitalkameras vorlegen. Die züchtigeren Zeugnisse der Züchtigung durften als Beweis für den Vollzug der Strafe veröffentlicht werden, das stockschwingende Stadtoberhaupt mit dem schmerzverzerrten Gesicht des Bestraften befriedigte die Schaulust.
Hemyarik kehrte in das Haus seiner letzten Anhänger zurück.
Dem Dogen wieder zu begegnen wäre ihm allerdings gar zu peinlich gewesen.

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