Ausgabe vom

5/17/2009

erscheint unregelmäßig nach Lust und Laune
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Rollen
Kritik
Tokyo Decadence
Humor
Widmung

Urgestein des SM-Films

Auf der Suche nach der großen Liebe

oder: Wie man einen Film durch den Schnitt in sein Gegenteil verkehren kann

Ich kannte Tokyo Decadence -- oder vielmehr dachte ich, daß ich es kannte. Denn nachdem ich es ungeschnitten gesehen habe, betrachte ich diesen Film endlich als ein Kunstwerk.

Ai ist Prostituierte und arbeitet für eine Agentur, die ausgefallene Wünsche erfüllt. Als Japans Antwort auf Alice im Wunderland bewegt sie sich durch ein Panoptikum der Rollenspiele. Mal muß sie sich auf Befehl eines obskuren Geschäftsmannes im Fenster eines Hochhauses lüstern bewegen, bis sie fühlt, was sie tut; dann wieder beteiligt sie sich an einer Strangulation, die den Kunden fast endgültig ins Reich der geilen Träume schickt. Grotesk, bedrohlich und auch gelegentlich komisch sind die Szenen, in die es sie verschlägt. Drogen werden von ihrer dominanten Kollegin wahllos konsumiert, und sie hält mit, soweit es sich mit ihrer Schulmädchen-Artigkeit verträgt, nachdem sie einmal gegen ihren Willen angefixt ist. Kindlich glaubt sie dennoch an die Voraussagen einer Hellseherin und an die Wiederbegegnung mit ihrer großen Liebe.

Der Autor Ryu Murakami, ein anderer als der Romanautor gleichen Namens, läßt seine Heldin in der Schlußsequenz durch ein Villenviertel stolpern, den Kontakt mit der Realität verlieren und ihren Traum vom bürgerlichen Leben aufgeben. Ihr Designerkleid mit den barocken Schuhchen mutiert zum Harlekinkostüm einer grotesk scheiternden tragischen Figur.

In der geschnittenen Version mußte man denken, es sei ihre Desorientiertheit, die aus dem Leben am Rande von Drogen und extremem Sex entstanden ist.

Tatsächlich wirft das dumme Ding beim Aufbruch zu ihrer Suche nach dem Geliebten eine Pille, die sie von ihrer zugedröhnten Kollegin bekommen hat. Sie stolpert auf dem Weg, ihre Rotweinflasche, die sie als Geschenk mitbringen wollte, zerbricht und tränkt ihr Kleid. Ihr Versuch, ins obere Stockwerk der Villa ihres Freundes einzusteigen, endet mit einem weiteren Sturz und trägt ihr die Aufmerksamkeit der Polizei ein. Die Beamten halten sie für betrunken. Sie hört nicht nur imaginäre Dampfer tuten, ich glaubte schon, sie würde imaginäre Personen treffen, und tatsächlich läßt der Filmmacher uns im Unklaren, was Ai in der nächtlichen Parkszene sieht. Ist der Geliebte wirklich da, verzichtet sie nun doch darauf, den Kontakt aufzunehmen? Ihr Vorhaben flopt auf der ganzen Linie.

Womit aber scheitert sie? Ist es ihr Versuch, sich als Hure im SM-Milieu zu behaupten?

Nein, ich glaube eher, der Rückweg in die Unschuld ist ihr verwehrt. Nach diesem Rückschlag ergreift sie wieder ihre rote Tasche und macht sich bereit, aufs neue ihre Kunden zu besuchen. Nicht ihre Tätigkeit als Rollenspielerin in SM-Settings ist gescheitert -- denn dort bekommt sie Lob und Honorare --, sondern ihr bürgerlicher Traum vom Geliebten in der grünen Vorstadt erweist sich als nicht realisierbar; das macht nur der Director's Cut des Films klar.

Sicher wundern sich einige Zuschauer über die eigenartige Dramaturgie. Im letzten Drittel des Films gibt es kaum noch SM zu besichtigen. Mehr und mehr geht es um das Seelendrama der Heldin. Antonionis Blow Up läßt grüßen. Man kann und man sollte von diesem Film weniger als von einem reinen Erotikfilm erwarten -- und auch viel mehr.

Andere Rezension
Sehr gute Rezension, englisch, und Bilder

Zur Symbolik in diesem Film

gesehen aus der Lehre der Fünf Elemente, die auch der Akupunktur und Feng Shui zugrundeliegt

Ai bekommt drei Ratschläge von der Wahrsagerin, die sie zu befolgen versucht. Sie soll

... den Fernseher auf zwei Telefonbücher stellen

Das Metall-Element des Fernsehers hat nach dieser Lehre eine schneidende, zerstörerische Wirkung auf Lebensenergie und Wachstum. Holz, hier durch das Papier dargestellt, soll diese verderbliche Wirkung abdämpfen. Folge: Der Eindruck von Isolation, der schon von allein in diesem Wohnwürfel entsteht, wird verstärkt. Sie kann nicht mehr so einfach die Telefonbücher unter diesem großen Gerät hervorholen und irgendwen anrufen; ihre Kontakte werden nur noch durch ihre Agentur erweitert werden.

... das östliche Stadtviertel mit den Galerien meiden
Hier wiederum ist es das Holzelement, von dem die Wahrsagerin abrät, der Osten nämlich. Ob das Villenviertel, in dem sie scheitert, im Osten liegt, weiß ich nicht; die grünen Bäume und die blühenden Frühlingsbäume gehören jedoch zum Symbolkreis "Osten".
... sich einen rosa Topas besorgen, um ihn zu tragen

Rosa ist die Farbe der Liebe. Bei einem Kundentermin verliert sie den Ring und bekommt ihn von der ramponierten Geliebten ihres Kunden wieder. Wieder ein Hinweis auf das Gefahrenpotential in dieser Szene.

...Ai macht sich am Schluß mit einer roten Tasche auf den Weg.

Rot bedeutet Lebenskraft, Begeisterung, aber auch Verlust der Mitte. Nach einer anderen Überlieferung steht Rot für den Westen, geografisch, in unserer Zeit auch kulturell. Sie macht sich in der Gegenrichtung auf den Weg, sie geht den Weg des Westens, sie verläßt endgültig die Tradition.

Schwarz

steht in diesem Zusammenhang für Wasser, das mit Gefahr gleichgesetzt wird.

Gelbe Schuhe

bedeuten den Versuch, ihre Erdung wiederzufinden.

Das weiße Kleid

hat aus unserer Sicht natürlich mit Unschuld zu tun. Sie will eine Braut werden. In der östlichen Lehre steht Weiß jedoch für Trauer und Verlust oder für die Durchsetzung eines Prinzips, für die Suche nach Gerechtigkeit und Gesetzestreue.